Krisenbedingt weniger Kinder und mehr Arme

18. März 2014, 17:50
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Die OECD hat untersucht, wie sich die schärfste Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren auf die Gesellschaft auswirkt

Wien - Manche Folgen der Krise sind für jeden sichtbar. Keinem Spaziergänger, der durch die Innenstadt von Athen oder Lissabon schlendert, werden die vielen leerstehenden Geschäftsräume entgehen. Dann gibt es da aber noch die unsichtbaren Folgen der Misere. So ist die Fertilitätsrate, also die Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich zur Welt bringt, in den Industrieländern seit Krisenausbruch 2008 deutlich gefallen. In Europa war der Rückgang vor allem in Estland, Island, Spanien und Ungarn stark.

Man könnte nun einwenden, dass diese Entwicklung einem längerfristigen Trend folgt. Tatsächlich fällt die Fertilitätsrate in der westlichen Welt seit den 1960er-Jahren. Aber ausgerechnet zwischen den Jahren 2000 und 2007 ist die Rate in den Industrieländern wieder gestiegen, ehe sie 2008 erneut einbrach.

Die erwähnten Zahlen stammen aus einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung ("Society at a Glance") der Industrieländerorganisation OECD. Akribisch haben die OECD-Experten dutzende Charts und Grafiken zusammengetragen, mit denen sich die Welt vor und nach Ausbruch der Finanzkrise vergleichen lassen soll. Die Bandbreite der Statistiken reicht von Selbstmordraten (nahezu unverändert) bis hin zum Vertrauen in Banken und Regierungen (erwartungsgemäß stark eingebrochen). Bei vielen Variablen, wie der Fertilitätsrate, äußern die OECD-Ökonomen nur den Verdacht, dass die Veränderung eine Folge des Wirtschaftskollapses sein muss. Bei anderen Variablen ist der Konnex offenkundig.

Nur Island schert aus

So hat die Wirtschaftskrise ärmere Haushalte deutlich stärker getroffen als Reiche. Von 33 OECD-Ländern sind seit 2008 in 21 Staaten die Einkommen der ärmsten zehn Prozent stärker gefallen als die Einkommen der reichsten zehn Prozent. In Europa haben ärmere Haushalte in allen Krisenländern mehr verloren als reiche. Einzige Ausnahme bildet hier Island. Auch Österreich passt in dieses Bild: wobei hier hohe Einkommensverdiener heute etwas mehr verdienen als noch 2008, während die ärmste Bevölkerungsschicht Gehaltseinbußen hinnehmen musste.

Als eine Folge der Entwicklung ist die Lohnungleichheit in Ländern wie Griechenland, Spanien, Italien deutlich gestiegen (in Österreich leicht). Im OECD-Schnitt haben Sozialtransfers dafür gesorgt, dass die Ungleichheit seit 2008 nicht zugenommen hat.

Die Liste von Sozialindikatoren mit beängstigender Entwicklung in der Studie ist lang. So hat sich die Anzahl von Menschen, die in einem Haushalt ohne Arbeitseinkommen leben, in Griechenland, Irland und Spanien verdoppelt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen (über ein Jahr ohne Job) hat in einigen Ländern, darunter den USA (plus zehn Prozent), stark zugenommen.

In Europa entsteht zudem gerade eine Generation von jungen Menschen, die fast jede sozioökonomische Anbindung an die Gesellschaft verloren haben. So sitzt jeder dritte Grieche zwischen 16 und 24 Jahren zu Hause herum, weil er weder eine Ausbildung absolviert noch einen Job hat. In Italien ist jeder Fünfte betroffen. Die realen Zahlen dürften noch schlimmer sein. Die OECD-Statistiken beruhen auf Ende 2012. Seitdem hat sich die Situation noch einmal verschlimmert. (András Szigetvari, DER STANDARD, 19.3.2014)

  • OECD: "Die Regierungen müssen wirksamere sozialpolitische Maßnahmen ergreifen, um für künftige Krisen vorzubauen."
    foto: apa/arno burgi

    OECD: "Die Regierungen müssen wirksamere sozialpolitische Maßnahmen ergreifen, um für künftige Krisen vorzubauen."

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