Fußball: Zwischen Betrug und Fehlentscheidung

Leserkommentar18. März 2014, 11:22
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Eine Sachverhaltsdarstellung bringt keine Punkte

Nach dem Fußballspiel der Ersten Liga am Freitag zwischen Vienna und Liefering kündigte der Heimverein Vienna an, eine Sachverhaltsdarstellung gegen den Schiedsrichter der Begegnung einzubringen. Dieser hatte in der Nachspielzeit ein Tor der Vienna wegen eines vermeintlichen Abseits entgegen der Anzeige des Schiedsrichterassistenten und ohne Rücksprache mit diesem aberkannt.

Betrug ohne Betrugsabsicht

Der Rechtsbeistand des Vereins hat mit Sicherheit darüber aufgeklärt, dass für Betrug eine fehlerhafte Entscheidung des Schiedsrichters, die irrtümlich getroffen wurde, nicht ausreicht. Der Schiedsrichter musste die Fehlentscheidung erkennen und wollen. Darüber hinaus ist Betrug ein Vermögensdelikt. Der Getäuschte muss in seinem Vermögen geschädigt und jemand bereichert sein. Praktisch gesprochen: Für den Wettbetrug braucht es auch eine Wette.

Die offizielle Stellungnahme des Vereins führt aus, dass dem Schiedsrichter keine Betrugsabsicht (juristisch wohl "Vorsatz" gemeint) unterstellt werde. Der Verein glaubt also gar nicht, dass der Schiedsrichter betrügen wollte. Dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Schiedsrichter an einem Wettbetrug beteiligt ist, reicht für eine Strafverfolgung nicht aus. Sollte das reichen, müsste jeder Spieler, der einen Strafstoß verursacht, ebenfalls angezeigt werden. Die jüngsten Vorfälle in Österreich lassen Beteiligungen von Spielern auch nicht ausschließen. In Österreich ist bisher das Elferfoul durch Verteidiger der prominenteste Beitrag zum Wettbetrug.

Schiedsrichter, du Betrüger

Es ist allerdings bereits Methode im Fußball, bei fehlerhaften Entscheidungen des Schiedsrichters "Betrug!" zu schreien. Am 16. Februar des Vorjahres hat Didi Kühbauer einem Schiedsrichter in einer Pressekonferenz Betrug vorgeworfen. Das Verfahren endete mit einer Ermahnung für den Trainer. Im Oktober des Vorjahres hat ein Trainer der Wiener Regionalliga einem Schiedsrichter in einem TV-Interview Betrug vorgeworfen. Eine Anzeige gegen diesen Trainer wurde vom Wiener Fußballverband wegen eines Formalfehlers zurückgewiesen, da sie von einer nicht berechtigten Person eingebracht worden war. Dem Vernehmen nach gab es mit dem Trainer eine Einigung: keine Strafe gegen Spende für ein soziales Projekt.

Die Entrüstung mancher Akteure verwundert in diesem Zusammenhang: Der Vorsitzende der ÖFB-Schiedsrichterkommission möchte den nunmehrigen Vorwurf gegen den Schiedsrichter keinesfalls stehen lassen. In seiner Funktion als Präsident des Wiener Fußballverbandes hätte er im obigen Fall der Wiener Regionalliga die Anzeige erstatten können. Das könnte er im Übrigen noch immer – die Verjährungsfrist ist noch nicht abgelaufen.

Gewinner und Verlierer

Eine realistische Chance, dass es hier zu einer Verurteilung gegen den Schiedsrichter der Begegnung Vienna gegen Liefering kommt, besteht nicht. Wenn selbst der Anzeiger nicht glaubt, dass der "Täter" betrügen wollte, wenn es keinen Zusammenhang mit einer Wette gibt, wie soll das Gericht einen Wettbetrug feststellen?

Die Vienna argumentiert nun in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage, dass der Präsident aufgrund der Rechtspflegeordnung gezwungen sei, eine Sachverhaltsdarstellung einzubringen. Die Bestimmung, dass Verletzungen des Fairplay-Gedankens "an den zuständigen Verband unverzüglich zu melden" sind, existiert seit 2013. Der zuständige Verband ist allerdings die Bundesliga, nicht die Staatsanwaltschaft.

Es gibt offenbar keine Gewinner, aber doch einige Verlierer: den Schiedsrichter, der sich öffentlich strafrechtliche Vorwürfe gefallen lassen muss. Einen Verband, der eine Strafbestimmung eingeführt hat, dass Hinweise auf Wettbetrug an ihn zu melden sind, dessen Vereine dennoch lieber die Staatsanwaltschaft anrufen. Eine Sportart, in der Fehler mit dem ständigen Verdacht behaftet sind, dass sie in verbrecherischer Absicht begangen wurden. Und, nicht zu vergessen: einen Verein, der sich sportlich drei Punkte im Abstiegskampf erspielt hat, aber nur einen erhält.

Schwere Vorwürfe – keine Punkte

Der Strafsenat der Bundesliga hat erst jüngst in einer Wettbetrugsentscheidung festgehalten, dass die Manipulation von Spielbegegnungen in Verbindung mit unzulässigen Sportwetten nach dem allgemeinen Rechtsbewusstsein der breiten Öffentlichkeit als schwerwiegendste Rechtsverletzung einzustufen ist. Folglich ist auch der Vorwurf, ein Spiel manipuliert zu haben, wohl der schwerste Vorwurf, der einem Schiedsrichter gemacht werden kann.

Abstiegskampf, Ärger über eine Fehlentscheidung, die Ohnmacht nach einer ungerechten Behandlung erklären viel und entschuldigen einiges, aber nicht alles. Und nicht zuletzt: Das Einbringen einer Sachverhaltsdarstellung gegen den Schiedsrichter ändert das Spielergebnis nicht. Auch wenn es falsch ist. (Robert Tremel, Leserkommentar, derStandard.at, 18.3.2014)

Robert Tremel ist Rechtsanwalt und seit 1997 aktiver Schiedsrichter in Oberösterreich.

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