Einladung zum Kaffee mit nordkoreanischen Soldaten

Blog19. März 2014, 07:51
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Blogger Alexander Reisenbichler wandert entlang der Grenze zu Nordkorea, lernt chinesisches und nordkoreanisches Misstrauen kennen und wie man es umgeht

Ich war schon öfters in China und liebe dieses Land, in dem man die unterschiedlichsten Kulturen und Landschaften findet. Leider bin ich der chinesischen Sprache nicht mächtig, kann gerade mal nach einem Guesthaus, Bahnhof und kaltem Bier fragen. Ein paar chinesische Schriftzeichen, die ich in Südkorea gelernt habe, halfen mir auch weiter, aber die Kommunkationsbarriere bestand und minderte meine Erfahrungen erheblich.

Zum Glück traf ich immer wieder chinesische Studenten, die passables Englisch sprachen und mit denen ich gemeinsam durch das Land reiste. Diese eröffneten mir neue Erfahrungshorizonte und bereicherten meine Reisen ungemein. Umso gespannter trat ich 2006 meine Reise in die autonome Verwaltungseinheit Yanbian – Yeonbyeon auf Koreanisch – an. Zwar steckten meine Koreanischkenntnisse noch in den Kinderschuhen, aber es war ein Anfang.

Reise zum Himmelssee

Mit einem riesengroßen Schiff fuhr ich 20 Stunden von Incheon nach Dalian und arbeitete mich langsam bis Shenyang hoch. Eines meiner Ziele war der erloschene Vulkan Baektusan (weißköpfiger Berg; Changbaishan, immerweißer Berg auf Chinesisch), der an der nordkoreanisch-chinesischen Grenze fast 2.700 Meter in die Höhe ragt (die Höhenangaben sind je nach Quelle sehr unterschiedlich). Auf diesem Berg entspringen die beiden Grenzflüsse Tumen und Yalu und der Fluss Songhua. Der Krater des Vulkans ist mit Wasser gefüllt, dem Cheongji oder Himmelssee, und bedeckt etwa zehn Quadratkilometer. Dieser Berg spielt in der koreanischen Mythologie eine große Rolle und ist heute ein Touristenmagnet für chinesische und südkoreanische Touristen.

In Shenyang traf ich eine Han-Chinesin, mit der ich ein wenig plauderte. Ich erzählte ihr, dass ich den Baektusan besuchen, aber die touristische Route vermeiden wollte, die in der Kleinstadt Baihe im Norden des Berges ihren Ausgang nimmt. Wie es der Zufall wollte, kam sie aus Changbai, einer Kleinstadt (in China eher ein großes Dorf) in der Jilin-Provinz an der nordkoreanischen Grenze. Gegenüber liegt die nordkoreanische Stadt Hyesan etwa 50 Kilometer südlich des heiligen Berges. Von Shenyang aus nahm ich einen Bus nach Tonghua. Dort musste ich übernachten, da es von Tonghua nach Changbai nur einen Bus pro Tag gibt. Leider war dieser schon abgefahren, als ich dort ankam.

Die Straße nach Changbai führte durch ausgedehnte Waldlandschaften, riesengroße Schmetterlinge in allen Farben schwirrten herum, Teile der Straße waren nicht betoniert. Neben mir saß eine Frau, die ein koreanisches Buch las, woraufhin ich sie ansprach. Als die anderen chinesischen Fahrgäste, die mich davor nicht einmal beachtet haben,  bemerkten, dass wir uns unterhielten, setzten sich ungefähr zehn Chinesen zu uns und begannen die Frau mit Fragen zu bombardieren. Um mich bei Laune zu halten, boten mir einige Chinesen Früchte und Süßigkeiten an.


Unterhalb der acht blauen chinesischen Zeichen liegt das Städtchen Changbai, das ich eingerahmt habe. Der rote Pfeil entspricht der Richtung meiner Route, Ziel war der hellblaue See, neben dem die Höhenangabe 2360 steht.

Das Städtchen Changbai hatte einen unerwartet reichhaltigen Markt, besonders fielen mir die vielen tropischen Früchte auf, die hier von Yunnan an der Grenze zu Laos importiert wurden, wie mir ein Händler erzählte. Rambutan, Lichi, Durian – und das an der nordkoreanischen Grenze.

Mitfahrgelegenheit zur Polizeistation

Am nächsten Tag zeitig in der Früh machte ich mich auf den Weg zu dem heiligen Berg. Ich ging stadtauswärts und erkundigte mich nach dem Weg, als ein Chinese in gebrochenem Koreanisch sagte: "Steig ein, mein Freund kann Koreanisch." Sein Freund war Choseon-jok, also ein koreanisch-stämmiger Chinese, der leider gleichzeitig auch Polizist war. Auf der Polizeistelle wurde ich zuerst einmal gefragt, wie ich diesen Ort gefunden hätte.

Dann wurde mir erklärt, dass ich den Baektusan nicht besteigen dürfe, zu gefährlich sei es, außerdem wäre die Grenze zu Nordkorea nicht eindeutig markiert und die nordkoreanischen Soldaten würden mich erschießen. Nach einer Stunde brachten mich die Polizisten auf eine andere, größere Polizeistelle, diesmal ohne koreanischen Übersetzer. In gebrochenem Englisch wurde mir erklärt, dass mein Reisepass gefälscht sei und zwar mit folgender Begründung: In meinem Reisepass hatte ich zwar ein südkoreanisches Aufenthaltsvisum für ein Jahr (Familienvisum), aber ich hätte keinen koreanischen Namen. In China würde jeder, der ein Aufenthaltsvisum hätte, das kein Touristenvisum ist, einen chinesischen Namen bekommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und endlosen Diskussionen – einmal stand ich auf und wollte einfach gehen, aber der Polizist sagte bestürzt: "Don't break law" – wurde mir schließlich ein Aufenthaltszertifikat für die Stadt Changbai ausgestellt. Ich musste jedoch versprechen, mich nur innerhalb der Stadt aufzuhalten. 

Ich versprach's, verabschiedete mich und ging sofort wieder stadtauswärts. Diesmal fand ich den richtigen Weg, die chinesische Regierung war gerade dabei, eine Straße auf der Südseite des Berges zu bauen. Nachdem ich einige Stunden zu Fuß durch üppige Wälder spazierte, wich der dichte Bewuchs und es wurde zunehmend karger. Da sah ich einen Spritzwagen, der sich langsam den Berg hinauf quälte. Der chinesische Straßenarbeiter nahm mich mit redete mit Händen und Füßen. Unter anderem gab er mir zu verstehen, dass auf der anderen Seite des Flusses nordkoreanische Wachtürme seien, sehen konnte ich jedoch keinen. 

Begegnung mit Nordkorea

Nachdem er mich ein gutes Stück des Weges mitgenommen hatte, ging ich wieder entlang der scheinbar komplett ungesicherten Grenze - kein Zaun, keine Schilder, kein einziges Haus seit Changbai. Plötzlich fiel mir auf, dass der Fluss, der in der Zwischenzeit ein Bach geworden war und die Grenze markierte, verschwunden war. Es wurde immer karger und stellenweise lag Schnee, obwohl es Juli war. Plötzlich sah ich zwei Soldaten mit Gewehren auf mich zu kommen; es waren nordkoreanische Soldaten. Wer von uns beiden verwunderter war, kann ich nicht sagen. Einer der beiden Soldaten fragte mich geradeheraus: "Was machst du hier?"

Eigentlich wollte ich sie dasselbe fragen, erklärte ihnen aber stattdessen, dass ich den Himmelssee sehen wollte. Das ginge nicht, ich müsse zurück nach China gehen. Um die Situation aufzulockern, zeigte ich ihnen Fotos meiner Familie, die sie sich genau anschauten. Ich erzählte ihnen, dass ich Berge liebe und in Südkorea auch in den Bergen leben würde. 


Chongji, der Himmelssee, fotografiert von einem Freund.

Sie erklärte mir, die Berge auch zu lieben, die Aussicht hier sei einfach herrlich, aber es sei hier immer so windig, das fänden sie nicht so gut. Nach einiger Zeit fragte ich sie, ob ich mir den Himmelssee anschauen könnte, schließlich sei ich dafür fast 1000 Kilometer weit gereist. Sie gaben mir 20 Minuten mit der Auflage, keine Fotos zu machen, dann müsste ich wieder zurück. Diese 20 Minuten vergingen wie im Flug, der See war atemberaubend und ich wäre gerne noch mehr herum gewandert, doch das ging leider nicht. Wir verabschiedeten uns freundlich und ich machte mich auf den Rückweg. Beim nächsten Mal werden wir bestimmt eine Tasse Kaffee miteinander trinken. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 18.3.2014)

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