Elga: "Befundmappen im Plastiksackerl"

18. März 2014, 09:26
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Elga ist zum Zankapfel geworden - Hausärzte opponieren und fordern Patienten zum Austritt auf - Elga-Chefin Herbek und Hausarzt Euler diskutieren die Folgen

Die Krankengeschichte eines Patienten ist wichtig für jede Therapie, die elektronische Krankenakte soll Überblick schaffen und Doppelgleisigkeiten verhindern. Alles, was Elga bringt, gibt es schon, sagt Hausarzt Christian Euler. Elga-Chefin Susanne Herbek ist anderer Meinung.

STANDARD: Elga polarisiert. Manche sehen eine Verbesserung für Ärzte und Patienten, andere die totale Überwachung. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile?

Susanne Herbek: Elga ist als öffentliche Infrastruktur geplant mit dem Ziel einer integrierten Versorgung und des besseren Nahtstellenmanagements. Wir wissen, dass im Laufe von Behandlungen an den Schnittstellen der Informationsfluss nicht immer ideal funktioniert. Die Teilnahme ist gesetzlich über die Opt-out-Möglichkeit geregelt. Dieses Sichabmelden geht bereits jetzt, bevor Daten überhaupt verfügbar gemacht werden. Es gibt keine Befristungen. Man kann sich jederzeit ganz oder teilweise ab- und wieder anmelden.

STANDARD: Wie funktioniert Elga?

Herbek: Wenn heute Befunde entstehen, werden diese Informationen an die Weiterbehandler und Patienten kommuniziert. Heute macht man das schon teilweise elektronisch, und die Daten werden dort gespeichert, wo sie erstellt werden - also im Krankenhaus, beim Radiologen oder im Labor. Das wird auch künftig so sein. Spitäler sind schon seit vielen Jahren verpflichtet, diese Daten über 30 Jahre aufzubewahren, niedergelassene Ärzte zehn Jahre. Elga schafft die Möglichkeit, Befunde für den Patienten und seine behandelnden Ärzte über ein Verlinkungssystem verfügbar zu machen. Alte Daten werden nicht eingebunden. Meldet man sich ab, werden die Verknüpfungen gekappt. Auf Basis der bestehenden Archivierungspflichten bleibt der Befund dort, wo er erstellt wurde.

Christian Euler: Einiges fordert hier Widerspruch heraus: Das Elga-Gesetz ist verfassungsrechtlich bedenklich. Ich halte es für problematisch, auf ein dünnes Fundament hin viel Geld auszugeben. Das Argument der Datenspeicherung vor Ort halte ich für uninteressant. Wenn Sie sich heute eine britische Zeitung im Internet ansehen, liegt die ja auch in England. Wer Daten aufruft, kann sie ja auch herunterladen.

Herbek: Das stimmt, aber derjenige ist für die Datensicherheit auch verantwortlich. Nur berechtigte Ärzte dürfen Daten abrufen. Und berechtigt ist, wer von Patienten berechtigt wird - über das Stecken der E-Card.

Euler: Umgekehrt bedeutet das, dass ein niedergelassener Arzt sein System ständig offen halten muss, damit Daten, die jemand anderer braucht, hier abgerufen werden können.

Herbek: Nein, das ist falsch.

STANDARD: Es gilt also offenbar, noch Fakten zu klären. Wer darf jetzt wirklich zugreifen, und welche Daten werden vernetzt?

Euler: Wenn ich einen Befund aus dem Labor bekomme, muss ich ihn ja verfügbar halten. Ich weiß nicht, wer abruft, kann also keine Verantwortung übernehmen.

Herbek: Nein, nur die Ersteller machen Daten verfügbar - das sind Röntgen- und Laborinstitute sowie Spitäler. Der Hausarzt muss nichts verfügbar machen. Es greift niemand dort zu.

Euler: Warum muss dann der Hausarzt überhaupt an Elga teilnehmen?

Herbek: Weil er die Daten nutzen soll und eben auf Befunde zugreifen können muss. Er hat nur die Verpflichtung, die Medikamente für die E-Medikation einzugeben. Eigene Untersuchungsergebnisse - etwa eigene Labordaten - müssen nicht abrufbar gemacht werden. Das ist übrigens das Ergebnis von Verhandlungen mit der Ärztekammer und auf ihre Empfehlung gesetzlich festgelegt.

STANDARD: Sind Ärzte nicht jetzt schon verpflichtet, sich einen Informationsüberblick zu verschaffen?

Euler: Nein. Ich bin verpflichtet, Patienten nach gültigem und gesichertem Wissen, nach meiner Expertise und nach den Wünschen des Patienten zu behandeln. Es wird aber immer meine Absicht sein, alles über den Patienten zu erfahren. Deswegen ist es für uns ja auch problematisch, dass ein Patient selbst Daten aus Elga ausblenden kann. Damit haben wir nicht die umfassende Information. Das System gibt dem Patienten das Recht, einzelne Befunde, die ihm etwa unangenehm sind, auszublenden.

STANDARD: Aber genau das empfehlen Sie Patienten und fordern auf, nicht an Elga teilzunehmen.

Euler: Nein. Elga ist bis jetzt inexistent. Elga ist ein Plan, man tritt also aus gar nichts aus. Elga ist aber ein Transportmittel für eine Gesundheitsreform, die wir Hausärzte zutiefst ablehnen. Deshalb empfehlen wir auszutreten.

STANDARD: Sie lehnen also Elga ab, weil Sie die Reform ablehnen?

Euler: Absolut. Konkret die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die Krankheitsverwaltung. Das alles wird Elga transportieren. Es ist Mittel zum Zweck.

STANDARD: Sie machen also eine Art Symptombekämpfung?

Euler: Nein, das ist kausale Therapie. Ohne Elga wird diese Reform nicht durchgeführt werden.

Herbek: Der Meinung bin ich auch, aber aus einem anderen Blickwinkel. Diese Kritikpunkte habe ich aber bisher so nicht wahrgenommen. Der Aufbau von Elga wurde mit der Ärztekammer besprochen, und die einzelnen Bereiche wurden auch so fixiert. Der Elga-Weg wurde gemeinsam definiert und gesetzlich festgelegt.

STANDARD: Stichwort Ökonomisierung. Ist die Sorge nicht berechtigt, dass ein Arzt künftig den Patienten nicht mehr untersucht, sondern nur Daten abruft. Leidet da nicht die Arzt-Patienten-Beziehung?

Herbek: Datenflut gibt es nicht. Es wurde fixiert, welche Daten und Befundarten schrittweise in Elga eingeführt werden. Hier geht es nur um Radiologie- und Laborbefunde, Entlassungsbriefe von Spitälern und Medikamente. Die Entscheidung, ob ein Arzt einen Befund ansieht, obliegt ihm auch künftig.

STANDARD: Was ist bei neuen Patienten?

Herbek: Da wird sich ein Arzt die Daten genauer ansehen. Heute hängt alles davon ab, ob ein Patient seine Befundmappe mitbringt. Wenn ich Glück habe, ist die Mappe geordnet, habe ich Pech, ist es ein Nylonsackerl. Bin ich umgekehrt ein Arzt, der einen Patient schon länger begleitet, sehe ich primär die neuen Befunde an - etwa, wenn ein Patient in der Zwischenzeit im Spital war. Da aber keine alten Daten ins System gespeist werden, sondern nur neue, wird Elga ohnehin nur langsam wachsen. Elga stellt aber Befunde strukturiert dar.

Euler: Das sehe ich ähnlich. Bis Elga dorthin gewachsen ist, was jetzt schon an Ordnung bei Ärzten existiert, wird es Jahre dauern. Alles, was Elga bringt, gibt es schon. Diese Neuerfindung ist lächerlich.

STANDARD: Wenn es das schon gibt, warum dann die Kritik?

Euler: Das Problem ist, wer aller in Elga Einblick nehmen kann. Wir sind verpflichtet, die Daten bereitzustellen für völlig legale Abfragen, die wir nicht gut finden. Wir fürchten nicht den illegalen Datenmissbrauch, sondern die völlig legale Nutzung durch Behörden und Institutionen.

Herbek: Das stimmt nicht. Ministerium, Krankenkassen und Behörden dürfen natürlich nicht zugreifen. Das ist im Gesetz genau geregelt. Zugreifen dürfen nur Ärzte, Spitäler, Apotheken für die E-Medikation und Pflegeeinrichtungen. Explizit ausgenommen sind Ärzte, die für Behörden arbeiten. Also Ärzte von Gebietskrankenkassen, Kontrollärzte, Amtsärzte, Schulärzte, Ärzte von Privatversicherungen. Zudem steht drin, dass diese Einrichtungen und Behörden Daten nicht verwenden dürfen. Missbrauch ist mit Strafe, sogar mit Haft bedroht. Und das unterstellen Sie ja indirekt. Hier wird den Menschen mit Fehlinterpretationen unberechtigterweise Angst gemacht.

Euler: Solche Gesetze sind aber nicht in Stein gemeißelt. Der Gesetzgeber kann das künftig ändern. Die künftig gesammelten Daten werden Bestand haben, der gesetzliche Umgang mit Daten ist variabel. Wir sprechen heute über den Datenschutz 2014. Wir wissen nicht, was in zehn Jahren ist.

Herbek: Es werden keine Daten gesammelt. Sie werden vernetzt.

STANDARD: Es gibt Leute, die sagen, Sie fürchten nicht den gläsernen Patienten, sondern den gläsernen Arzt.

Euler: Seit Ärzte verpflichtet sind, elektronisch mit den Kassen abzurechnen, ist keine Frage mehr offen. Wir sind bis zum letzten Rezept kontrolliert. Wenn die Kassen so argumentieren, ist das lächerlich.

Herbek: Elga hat mit Verwaltungs-, Abrechnungs- oder Genehmigungsmodalitäten durch Chefärzte der Kassen nichts zu tun. Es geht ausschließlich darum, Behandlung und Betreuung des Patienten zu unterstützen. Zugreifen auf Daten können nur Ärzte, die einen bestimmten Patienten gerade behandeln - und das nur befristet. Was sich aber lockert, ist die Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Patienten und einem bestimmten Arzt. Es löst sich also die Kundenbindung eines Patienten zum Arzt, und wenn man so will, weil bei einem Wechsel ein Patient einem anderen Arzt erlauben kann, Elga-Daten zu sehen. Das ist auch das Ziel: den Informationsfluss innerhalb einer Behandlungskette im Sinne des Patienten zu verbessern. (Martin Rümmele, DER STANDARD, 18.3.2014)

Susanne Herbek ist Geschäftsführerin der Elga GmbH, Ärztin und Krankenhausmanagerin. Von 2005 bis 2010 war sie Direktorin der Teilunternehmung Krankenanstalten der Stadt Wien.

Christian Euler ist niedergelassener Allgemeinmediziner in Rust und Präsident des Österreichischen Hausärzteverbands (ÖHV).

  • Mehr Patientensicherheit oder zu viel Überwachung? Elga-Chefin Herbek und Hausärzte-Präsident Euler im Match.
    foto: cremer

    Mehr Patientensicherheit oder zu viel Überwachung? Elga-Chefin Herbek und Hausärzte-Präsident Euler im Match.

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