Zwischen Protestbewegung und Prüfungsstress

17. März 2014, 13:31
28 Postings

Zwei Schüler aus dem westukrainischen Lemberg erzählen, wie sie die turbulenten letzten Monate erlebt haben

Lemberg/Wien - Die Schülerin Lyana Kovalchuk wählt deutliche Worte, um klarzustellen, auf welcher politischen Seite sie steht: "Hier in Lemberg wollen alle zur EU - und wir wollen Janukowitsch im Gefängnis sehen!"

Die 15-jährige Ukrainerin besucht die "Schule Nummer 8", ein ehemals österreichisches Gymnasium, denn bis 1918 gehörte die größte Stadt in der Westukraine zur Habsburgermonarchie. Mittlerweile ist Lyanas Gymnasium die Partnerschule des BRG Kundmanngasse im dritten Wiener Gemeindebezirk.

Dass die Lemberger Jugend proeuropäisch tickt, erklärt sich schon durch die geografische Lage: Die Grenze zu Polen liegt nur rund 80 Kilometer entfernt, bis hin zur russisch geprägten Halbinsel Krim sind es gut 15 Stunden Autofahrt. Doch natürlich verfolgt die Schülerin trotz der geografischen Entfernung die dortigen Ereignisse intensiv.

"Was auf der Krim passiert, berührt uns alle sehr. Die Ukraine ist seit 1991 frei, herausgelöst aus der früheren Sowjetunion. Wir wollen nicht, dass wir wieder unter russischen Einfluss kommen", sagt Yana Didun (14), eine Schulkameradin von Lyana.

Totengedenken auf Facebook

Beide betonen während eines Skype-Interviews, dass sie sich die Krim als Teil einer Ukraine innerhalb der EU wünschen. Die Halbinsel sei als Zugang zum Schwarzen und Asowschen Meer für die Ukraine äußerst wichtig, außerdem verfüge sie über fruchtbare Ackerflächen.

Auch der Euromaidan - die Protestbewegung, die im Februar zum Sturz der Regierung führte - hat die Schülerinnen sehr beschäftigt. Der Verlobte von Lyanas Schwester reiste sogar in die Hauptstadt Kiew, um dort mitzudemonstrieren.

Begeistert von der damals euphorischen Stimmung sei er heimgekehrt, und wollte nur wenig später wieder in die Hauptstadt zurück. "Doch nachdem es die ersten Toten gegeben hatte, haben es ihm Mama, meine Schwester und ich ganz schnell ausgeredet", sagt Lyana. Ihr Vater, ein Polizist, habe Geld für Medikamente gespendet, um auf diese Weise die Protestbewegung zu unterstützen.

Auch in Lemberg trafen sich im Stadtzentrum Demonstranten. "Meine Mutter wollte zwar nicht, dass ich dort hingehe, aber ich war trotzdem dort", erzählt Yana. Heute würden sich die Lemberger dort vor allem treffen, um für die toten Aktivisten von Kiew zu beten. Über 80 Menschen starben während der bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen rund um den 18. Februar. Auf Facebook und Vkontakte - ein ukrainisches soziales Netzwerk - haben viele Schüler ihr Profilbild geändert, um der Gestorbenen zu gedenken (siehe Foto).

Schülerstreik und Schulalltag

Vor allem die ukrainische Jugend würde intensiv in Internetforen über die Zukunft des Landes diskutieren. Zuweilen blieben jedoch manche Seiten vorübergehend gesperrt, laut Aussagen der Schüler waren vor allem die der proeuropäischen Maidan-Aktivsten betroffen.

Selbstverständlich war die Protestbewegung auch in der Schule das Gesprächsthema Nummer eins. So haben die Schüler einen Streik organisiert sowie Diskussionsstunden mit dem Geschichtslehrer initiiert. Dieser habe auch viel über die Vergangenheit der Ukraine erzählt.

Mittlerweile sei in Lemberg aber wieder Ruhe eingekehrt. "Ausgangssperren gibt es nicht. Es ist kein Problem, sich spät am Abend zu treffen, ich gehe auch mit älteren Freunden in die Disco", sagt Lyana.

Auch auf dem Pausenhof werde derzeit nicht mehr so viel über die politischen Umbrüche debattiert, denn nächste Woche stehen wichtige Prüfungen an. An der "Schule Nummer 8" ist wieder Alltag eingekehrt. (Jakob Sturm, DER STANDARD-Printausgabe, 17.3.2014)

  • Um die Trauer über die getöteten Demonstranten in Kiew auszudrücken, haben viele Jugendliche auf sozialen Netzwerken das Konterfei einer blutüberströmten Frau hochgeladen.
    foto: facebook

    Um die Trauer über die getöteten Demonstranten in Kiew auszudrücken, haben viele Jugendliche auf sozialen Netzwerken das Konterfei einer blutüberströmten Frau hochgeladen.

Share if you care.