Pressestimmen: Angriff auf UNO "doppelte Tragödie"

21. August 2003, 07:10
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"Der Irak wird zu zweitem Libanon" - "Terroristen haben Dosis an Schrecken und Grauen erhöht"

London/Paris/Rom - Zahlreiche internationale Tageszeitungen kommentieren am Mittwoch den verheerenden Anschlag auf die irakische UNO-Zentrale in Bagdad am Dienstag. Die Londoner "Times" sieht darin eine Chance, die USA und die Vereinten Nationen miteinander zu verbinden. Der "Guardian" (London) beklagt, dass mit der UNO gerade jene Organisation getroffen wurde, die unzweideutig im Irak ist, um zu helfen. "Liberation" (Paris) fordert eine "massive Intervention der internationalen Gemeinschaft unter der Fahne der UNO", um weiteres Blutvergießen im Irak zu verhindern. Auch "Le Figaro" (Paris), "Corriere della Sera" (Mailand) und "La Repubblica" (Rom) sehen die USA mit ihren Plänen zur Befriedung im Irak gescheitert.

"The Times":

"Dieser tragische Angriff kann dazu dienen, die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen miteinander zu verbinden. Die Unstimmigkeiten der Vergangenheit darüber, ob es klug war, Saddam Hussein zu stürzen, sind irrelevant geworden. Die internationale Gemeinschaft hat jetzt die gemeinsame Aufgabe, den Irak wieder aufzubauen ... . Die übrig gebliebenen Baathisten sind eine Bedrohung für alle Mitglieder des Weltsicherheitsrates. ... Alle Seiten müssen ihre Ressourcen bündeln, wie sie es nie zuvor getan haben, in der pragmatischen Erkenntnis, dass die gemeinsame Basis die Bekämpfung des Terrorismus ist sowie der Wille, dem irakischen Volk Sicherheit und Fortschritt zu gewährleisten."

"The Guardian":

"Wenn es eine Organisation im Irak gibt, die unzweideutig dort ist, um zu helfen, dann sind es die Vereinten Nationen. Der gestrige Bombenanschlag auf ihr Hauptquartier in Bagdad ist folglich eine doppelte Tragödie, für diejenigen, die ihr Leben verloren - darunter auch der ranghöchste UNO-Gesandte Sergio Vieira de Mello - und für die Bevölkerung im Irak, deren Zukunft ebenso Ziel des Anschlags war wie die Weltorganisation."

"Liberation":

"Mit dem mörderischen Anschlag auf das UNO-Hauptquartier wollten die irakischen Terroristen zeigen, dass die amerikanisch-britischen Kräfte nichts gegen ihre Strategie des Chaos unternehmen können. Die Amerikaner haben es durch Unwissenheit oder Arroganz verpasst, mit Hilfe einer Verbesserung der Lebensbedingungen im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins "die Herzen und den Geist" der irakischen Bevölkerung zu gewinnen. Die einzige Hoffnung, das Schlimmste zu verhindern, ist jetzt eine massive Intervention der internationalen Gemeinschaft im Irak unter der Fahne der Vereinten Nationen. Dafür muss Präsident (George W.) Bush seine Niederlage erkennen, bevor es zu spät ist."

"Corriere della Sera":

"Bei dem Blutbad in Bagdad wurden viele Illusionen unter den Trümmern begraben. Im Weißen Haus von George Bush dürfte von nun an klar sein, das eine ausschließlich militärische Lösung wider die Vernunft ist. Die Guerillas bauen auf die Zustimmung der Bevölkerung. Wenn etwa für die irakischen Bauern auf dem Land das einzige Bild der "Freiheit" bisher das Mündungsrohr des M-16-Maschinengewehrs darstellt, dann geben sie dem Aufstand jene Unterstützung, die Mao seinerzeit als so wichtig wie das Wasser für den Fisch bezeichnet hatte. Um diese Zustimmung zu brechen, braucht das Land Sicherheit, Arbeit und Frieden, Panzer genügen nicht. Notwendig ist vielmehr eine direkte Rolle der UNO, und beim Wiederaufbau müssen Europäer und Asiaten beteiligt sein."

"Le Figaro":

"Im Irak vergeht kein Tag, an dem nicht auf amerikanische Soldaten geschossen wird. Dabei fehlt es weder an Mitteln noch an gutem Willen. Washington gibt zur Zeit über eine Milliarde Dollar pro Woche im Irak aus. Auch die Verhaftung von Saddam Hussein wird nichts an dieser Situation ändern. Der Anti-Amerikanismus wird gegenwärtig nicht so sehr durch die ehemaligen Regime-Anhänger genährt als vielmehr durch den Islamismus, der eine viel stärkere Kraft als der laizistische panarabische Nationalismus darstellt. Die Demokratie ist kein Spender-Organ, das leicht mit einem fremden Körper verwächst. Die Amerikaner merken, dass die politische Chirurgie eine viel schwierigere Kunst ist, als vermutet."

"La Repubblica":

"Die Attentate und die Leichen sind eine tägliche Warnung, dass das Regime in Bagdad noch nicht am Ende ist, dass es sich im Untergrund bewegt und dass die Führung noch immer der Eine in der Hand hat: Saddam, der Rais aus dem Irak, der früher das Land mit seinen omnipräsenten Polizeikräften und seinen unzählbaren Marmorstatuen überzogen hat, und der jetzt das Land von einem unauffindbaren Labyrinth aus überwacht und die amerikanischen Supermänner verhöhnt. ... Indem sie die Vertreter der UNO treffen, wollten die Angreifer zeigen, dass die Amerikaner unfähige Besatzer sind. Sie garantieren keine öffentlich Ordnung und sind nicht in der Lage, die Iraker mit Wasser und elektrischem Strom zu versorgen. ... War die Sicherheit der UNO-Leute vielleicht nicht die Aufgabe der amerikanischen Truppen?"

"El Mundo": Der Irak wird zu zweitem Libanon

Die spanische Tageszeitung "El Mundo" sieht am Mittwoch, nach dem schweren Anschlag auf das UNO-Gebäude in Bagdad, die Gefahr eines neuen Libanon im Irak auftauchen:

"Das Gespenst eines zweiten Vietnam, das manche Kommentatoren bei Beginn des Irak-Kriegs beschworen hatten, ist einer fortschreitenden "Libanonisierung" des Irak gewichen. Schon im Libanon hatten militärische Interventionen des Westens den Konflikt nicht lösen können. Im Irak erleben wir nun erneut, wie die Bevölkerung immer mehr radikalisiert wird und der Hass auf Ausländer zunimmt.

Zugleich bereiteten die USA den islamischen Fundamentalisten eine Bühne, auf der diese sich zur Schau stellen können. Washington und seine Alliierten haben im Irak eine Situation geschaffen, die für die Weltgemeinschaft um ein Vielfaches schlimmer ist als die Lage vor dem Krieg. Wer dies ignoriert, wird den Konflikt nicht lösen können."

"New York Times":

"Terroristen wollen nicht nur Tod und Verwüstung bewirken. Sie hoffen auch, das geistige und politische Klima um ihre Ziele herum zu vergiften. Tragischerweise haben die Attentäter in Bagdad (...) gestern schon ihr erstes Ziel erreicht (...) und die dringend benötigten Hilfsmaßnahmen unterbrochen. Man darf ihnen einen zweiten Triumph nicht gestatten, die emotionale Kluft zwischen Wiederaufbaumaßnahmen und irakischen Zivilisten noch zu vertiefen.

Die amerikanische Regierung muss ausreichende zusätzliche Mittel und, wenn nötig, zusätzliche Truppen bereitstellen, um dies zu verhindern. Die Iraker müssen sehen, dass Washington den Willen und die Mittel hat, das Land wieder auf die Beine zu bringen. Die amerikanischen Soldaten können nicht in einer Lage gelassen werden, in der sie so um ihre Sicherheit fürchten, dass sie alle Iraker als mögliche Feinde ansehen. Und die internationalen Hilfsorganisationen dürfen nicht von Amerikas wichtigstem außenpolitischen Unternehmen verschreckt werden."

"Washington Post":

"Die beiden Anschläge waren das Werk von Terroristen, die nichts Falsches darin sahen, unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen, um einen politischen oder propagandistischen Erfolg zu erzielen. Beide sollten den Friedensbemühungen in der Region einen Rückschlag versetzen. Beides waren verwerfliche Taten, die den Willen der Mehrheiten (...) frustrieren sollen, die die Ziele der Terroristen nicht teilen. (...)

Dass das UNO-Hauptquartier Ziel war, zeigt auch, dass die Internationalisierung der amerikanischen Besatzung kein Allheilmittel wäre. (...) Die ganze Welt hat Anteil daran, Demokratie und Wohlstand in die Region zu bringen. Aber so wie Terroristen die USA wo immer möglich angreifen werden - und unabhängig davon, welche Politik Washington verfolgt - so werden sie jeden angreifen, der Frieden und Pluralismus fördert, egal ob unter der Flagge der Vereinigten Staaten oder dem Banner der Vereinten Nationen. Paul Bremer, der amerikanische Chefverwalter des Irak, beklagte das 'schreckliche Verbrechen' gegen die UNO-Mitarbeiter, hat aber zu Recht versprochen, dass die Vereinigten Staaten sich nicht zum Abzug zwingen lassen."

"Tages-Anzeiger":

"Die Terroristen im Irak haben die Dosis an Schrecken und Grauen, 'shock and awe', die sie den US-Besatzern einjagen wollen, noch einmal erhöht. Die USA laufen Gefahr, die Kontrolle über die Situation im Land endgültig zu verlieren. Der Widerstand eskaliert. Der jüngste Terroranschlag gegen das UNO-Hauptquartier in Bagdad ist besonders perfid. Diesmal wurde nicht auf die US-Besatzer gezielt, nicht auf die Infrastruktur und die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Strom, um die Wut auf die Invasoren anzustacheln. Diesmal haben die Terroristen die UNO, die im Irak humanitäre Hilfe leistet, ins Visier genommen. (...) Nur eine breit abgestützte, von der UNO legitimierte und massive Friedensmission kann die Situation jetzt noch retten. Denn eines ist sicher: Die Terroristen - wer auch immer sie sind - haben keine Vorstellung von einer friedlichen Zukunft für den Irak." (APA/dpa)

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