Der neue Irak

27. August 2003, 18:11
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Ein einziger Tag hat genügt, um die neue Wirklichkeit im Irak zu zeigen - Von Markus Bernath

Ein einziger Tag hat genügt, um die neue Wirklichkeit im Irak zu zeigen: Kurdische Milizen haben Taha Yassin Ramadan gefasst, den früheren Vizepräsidenten des Irak und die rechte Hand Saddams in den letzten Jahren seines Regimes; doch zugleich ist der UNO-Sondergesandte de Mello in Bagdad das Ziel eines verheerenden Bombenanschlags am Sitz der UN-Vertretung geworden. Es ist keine Frage, welches der beiden symbolischen Ereignisse die Zukunft des Iraks zeigt - der Terror wird sie bestimmen.

Von den letzten Anhängern des Saddam-Regimes geht keine Gefahr mehr aus, die von der US-Besatzung nicht auf längere Sicht gemeistert werden könnte. Der "Heilige Krieg" jedoch, den die Terrororganisation Al-Kaida den USA im Irak erklärt hat, ist von anderem Kaliber. In einem Umfeld, das ihnen nicht wirklich freundlich gegenübersteht, müssen die US-Streitkräfte künftig Terroranschläge vereiteln. In einem Land, das wirtschaftlich ruiniert und sich nach 30 Jahren Diktatur im Chaos des politischen Neubeginns wiederfindet, wird Washington Verbündete gewinnen müssen, die das Besatzungsregime ebenso wie die neue Realität der unablässigen Terroranschläge tolerieren. Die US-Zivilverwaltung wird vor allem klar machen müssen, dass Terroranschläge wie der gegen die UNO nur den Interessen der Iraker schaden, um Unterstützung zu erhalten.

Die Chancen sind groß, dass genau das Gegenteil eintritt: Teile der "Patchwork"-Armee aus Osteuropa und Mittelamerika, die Washington im Irak um sich gesammelt hat, werden abspringen, wenn sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert. Ungarns Verteidigungsminister kündigte bereits vor Wochen an, er werde die Einheiten seines Landes unter solchen Bedingungen zurückziehen. Noch wahrscheinlicher aber ist, dass eine andere Koalition zutage tritt: ein Bündnis der Terrororganisation Al-Kaida mit extremistischen Muslimführern im Irak. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2003)

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