Spuren zur Hofburg

27. August 2003, 18:11
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Warum sollte jemand wie Erwin Pröll auf einmal nach süßer Ohnmacht als Bundespräsident lechzen, fragt Günter Traxler in seiner Kolumne

Entgegen zahlreicher anders lautender Behauptungen haben Politiker an ihrer Arbeit nicht nur Spaß. Manche sind geradezu zum Leiden auserkoren. So musste Landeshauptmann Erwin Pröll nun in seinem Privat-"Radio Niederösterreich" eingestehen, dass die "sehr vielen" Appelle, doch bitte, bitte für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, an ihm "nicht spurlos vorbeigehen". Dementsprechend gezeichnet sah man ihn auch im Kurier vom Sonntag fotogen entspannt am Ufer der Donau sitzen, hemdsärmeliges Symbol für die Hoffnung, eventuelle Gegenkandidaten schon vorbeitreiben zu sehen, während der amtierende Bundespräsident noch sein letztes Hofburgjahr als lahme Ente abdient. Fängt das wirklich schon jetzt an? Gibt es tatsächlich kein anderes Thema mehr, das vor den demnächst anstehenden Landtagswahlen vom Wirken der Bundesregierung ablenken könnte?

Vor allem auch an der Außenministerin wird der anschwellende Bocksgesang nicht spurlos vorbeigehen. Nur die Bürgerinnen und Bürger kann es noch geraume Zeit kalt lassen, ob Pröll das Amt in der Tat so nachdrücklich anstrebt, wie er behauptet, eine Entscheidung sei nicht vordringlich, oder ob ÖVP-Strategen da nur eine Seifenblase steigen lassen, deren Platzen schließlich doch noch eine/n andere/n Kandidatin/en sichtbar werden lässt.

Prölls Bemerkung, dass eine etwaige Kandidatur ein Anspruch sei, "den man nicht wegschieben soll", ist zwar deutlich, muss aber auch nicht überschätzt werden. Professionelle Politiker auf wichtigen Positionen haben die Anmutung ihrer Parteien, für das Amt des Staatsoberhauptes zu kandidieren, noch immer von sich geschoben, so lange es ging. Nur auslaufende Diplomaten sahen darin die Krönung einer Beamtenkarriere. Und warum sollte ein Praktiker eiskalter Machtausübung wie der niederösterreichische Landeshauptmann auf einmal nach süßer Ohnmacht lechzen? Es sei denn, er könnte sich nicht entziehen, weil er die einzige realistische Hoffnung seiner Partei ist.

So rücksichtslos, wie Wolfgang Schüssel diese Republik einschwärzt (übrigens ohne dass man dazu ein kritisches Wort Prölls gehört hat), könnte nächstes Jahr eine Gleichgewichtsparole wieder auf fruchtbaren Boden fallen. Einen stärkeren Kandidaten als den Landeshauptmann des größten Bundeslandes haben ÖVP und Kronen Zeitung da sicher nicht aufzubieten. Und seinen Wahlslogan hat Pröll auch schon bekannt gegeben: "Eine Familie braucht Autorität."

Nach Thomas Klestils Debakel mit dem noch leidlich rationalen, wenn auch unrealistischen Wahlslogan "Macht braucht Kontrolle" soll nun offenbar wieder das Gefühl der Österreicher auf seine Rechnung kommen. Zwar hat die vertrottelte Behauptung, der Staat sei wie eine Familie und könne daher, wie diese, auch nicht mehr Geld ausgeben, als er einnimmt, schon genug Unheil angerichtet. Aber offenbar gibt es Wahlstrategen, die glauben, der Familientrick könnte noch einmal ziehen. Zumal das autoritäre Element der provinziellen Familienidylle dem Landeshauptmann auf den Leib geschrieben ist.

Er soll übrigens gegen die Neuauflage von Schwarz-Blau gewesen sein. Wie weit das stimmt oder wie weit das nur von ihm und Schüssel inszeniertes Theater im Hinblick auf eine allfällige Präsidentschaftskandidatur war, kann ruhig offen bleiben. Zurzeit stimme ihn eher die SPÖ nachdenklich, während er bei der FPÖ trotz aller bisherigen Enttäuschungen unverdrossen auf "künftige Handschlagqualität" hofft, gestand er dem Kurier. Im Vergleich zu solcher Herumrederei hat sich der gegenwärtige Bundespräsident als Mann von Anstand und Charakter erwiesen.(DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2003)

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