Meny und Yalda sprechen über Adorno

29. August 2003, 11:38
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Das Performancekollektiv Superamas beim "Tanz im August"

Berlin - Es beginnt harmlos mit Leuchtkastenfotos. Sie zeigen eine Frau und einen Mann, die sich vor der offenen Motorhaube miteinander unterhalten. Thank God, Pam you know heißt diese Installation des in Wien und Paris wirkenden Tanz- und Performancekollektivs Superamas. Sie bildet den Auftakt für Game Boys, eine Live-Installation, mit der die Gruppe derzeit beim Festival Tanz im August für Diskussionen sorgt.

In Wien sind Superamas seit 1999 ein Begriff, wenn auch ein von der bodenständigen Tanzreflexion noch nicht recht verstandener. In Berlin, wo Performance noch immer für Theater gehalten wird, macht das Kollektiv eine gewisse Betroffenheit darüber sichtbar, dass die offene Kunstform Tanz jeden klaren Normenkanon hartnäckig hintertreibt. Hier irritiert, was in Wien ignoriert, in Paris respektiert und in der europäischen Tanz-Hauptstadt Brüssel bewundert wird.

Game Boys besteht aus Thank God, Pam you know, dem Film Billy Billy, der Videoinstallation TruckStation, den Performanceinstallationen Diggin' Up und Play Mobile sowie der Liveperformance Big, 1st episode. Mit diesen Modulen setzen Superamas ein auf den ersten Blick sehr cleveres und auf den zweiten Blick amüsantes Puzzle zusammen, in dem Fetische wie das Auto, weibliche Pin-up-Körper und das Fernsehen zentrale Rollen spielen.

Zwei Gogotänzerinnen, Meny und Yalda, und die vier ungenannt bleiben wollenden Superamas-Männer entführen in eine filmschnitthaft strukturierte Welt. In Billy Billy wird eine simple Superamas-Soap so exakt mit Szenen aus berühmten Streifen von Kubrick, Cassavetes, Peckinpah und Almodóvar unterschnitten, dass sich Video und Filme zu einem Horrortrip aus Zeitsprüngen und Identitätsvermischungen verbinden.

Die Liveperformance Big, 1st episode ist ähnlich aufgebaut. Ein Männergeburtstag. Was schenken die Freunde ihrem Kumpel? Richtig, eine heiße Gogonummer. Als die Frau des Beschenkten nach Hause kommt, beginnt sie . . . Schnitt. Das Ganze von vorn, mit leicht verändertem Dialog. Schnitt. Das Ganze abermals wiederholt, diesmal von zwei Personen live synchronisiert. Schnitt. Rücklauf. Noch einmal. Der Wiener Experte für künstliche Intelligenz, Robert Trappl, im Interview, ein Fußballspiel im TV. Schwenk auf ein Geländegefährt.

Vier Leute springen aus dem Wagen, treffen zwei Gastgeber, eine Party beginnt. Es wird getanzt. Zwei Freunde beim Männergespräch im Nissan. Scheinwerfer auf ein Plakat, das groß die Automarke verkündet. Yalda und Meny räkeln sich supersexy auf dem geilen Blech. Nach dem Applaus unterhalten sich die beiden Gogonirls in Videosätzen über Adornos Anmerkung, dass der Film zur Kontrolle der Massen diene:

Warum er wohl das Medium nicht als Teil der Realität selbst akzeptiert habe? Superamas leugnen es nicht. Big Brother ist so wirklich wie der Asphalt unter unseren Füßen, unser Neusprech und unsere Konsumfantasie. Baudrillards Simulacrum ist real und Guy Debords Spektakel der Boden dieser Tatsache. Längst haben die alten Herren der Frankfurter Schule ausgespielt. Die Realityshow verlangt nach einer zeitgemäßen, einer "Kritischen Theorie".

(DER STANDARD; Printausgabe, 20.08.2003)

Helmut Ploebst aus Berlin

SERVICE

"Big, 1st episode", wird am
23. 9. bei imagetanz im Künstlerhaustheater und am 25. und 26. 11. im Choreographic Centre Linz
zu sehen sein.

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    superamas/standard
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