Der Mann als Nonne

29. August 2003, 11:38
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"Comte Ory" - exzellent und international besetzt mit Tenor Juan Diego Flórez und Sopranistin Stefania Bonfadelli - in Pesaro

In Pesaro, dem Geburtsort von Gioacchino Rossini, wurde beim dem Komponisten gewidmeten Opernfestival heuer "Comte Ory" aufgeführt - exzellent und international besetzt mit Tenor Juan Diego Flórez und Sopranistin Stefania Bonfadelli.

Es ist wohl eines der merkwürdigsten Liebesduette der Opernliteratur: eine Nonne, die sich voll aufdringlicher Dankbarkeit an eine schöne, zunehmend verwirrtere Gräfin klammert. Die Nonne ist ein Mann: der berüchtigte Libertin Comte Ory, Titelheld von Rossinis vorletzter Oper, der in dieser Verkleidung an die abgeschlossene Damenwelt herankommen will.

Es ist die Zeit der Kreuzzüge, die Ehemänner sind im Krieg und die Frauen haben Keuschheitsgelübde abgelegt. Was als billige Travestie erscheinen mag, ist eine Mann-Frau-Konfrontation von Raffinesse, psychologischem Tiefgang und stimmlicher Akrobatik, wobei heuer in Pesaro das Belcanto-Traumpaar Juan Diego Florez und Stefania Bonfadelli auch als Komödianten zu bezaubern wissen.

Wieder einmal erweist sich die Fahrt zum Festival in die Geburtsstadt Rossinis als Entdeckungsreise in die vielfach versunkene Welt der Oper aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zeigt deren verblüffende Modernität. Der musikalisch vor allem aus Il Viaggo a Reims recycelte Comte Ory lässt die fünfzig Jahre später komponierten Travestien Offenbachs harmlos erscheinen, vor allem weil Rossini - abstrakt kalkulierend - auf jede Form moralisierender Parteinahme verzichtet.

Der Libertin wird weder verurteilt noch glorifiziert. Der spanische Regisseur Lluis Pasqual hat nicht das Opernlibretto mit seiner mittelalterlichen Kreuzfahrergeschichte selbst auf die Bühne gestellt, sondern eine zusätzliche Geschichte erfunden. Einleuchtend: Er versetzt Comte Ory in einen Salon aus der Entstehungszeit der Oper - mit schweren Samtvorhängen, Spiegeln und Billardtisch. Ein Spiel im Spiel, für das sich die vornehme Gesellschaft auf offener Bühne als Kreuzfahrer, Eremiten und Nonnen kostümiert. Von der Zumutung, lediglich als sommerliches Touristenspektakel verstanden zu werden, hat man sich in Pesaro immer schroff distanziert.

Im Zentrum stand die Rossini-Wissenschaft, die Aufführungen sind so gesehen nur ein der Praxis geschuldeter Appendix. Da aber nun die textkritische Ausgabe fast abgeschlossen ist, gilt es, so der künstlerische Leiter Alberto Zedda, über Inszenierungen eine "Rossini-Dramturgie" zu entwickeln. Zur Eröffnung gab es eine mit Spiegeleffekten arbeitende Inszenierung des fünfstündigen Babylon-Schinkens Semiramide aus dem 12. Jhdt. mit Exkursen ins Assyrische und Indische.

Die Mutter-Sohn-Geschichte mit dem Geist des toten Vaters wurde von Dieter Kaegi in eine futuristische Szenerie verlegt, in der die politischen Kasten vor einer Weltkarte global agieren. Das Publikum ging bei dieser Modernisierung nur bedingt mit, feierte aber die Sänger, die zum Teil in Pesaro ihren Durchbruch hatten, wie Daniela Barcelona als Feldherr Arsace und Darina Takova als Semiramide.

Komische Werke

Beim Tenor Gregory Kunde zittert man freilich vor allem über den Drahtseilakt des Gelingens mit. Carlo Rizzi dirigierte wie auch Jesús López-Cobos beim Comte Ory einfühlsam. Schließlich gibt es seit zwei Jahren in Pesaro noch ein weiteres Feld: "Il mondo delle farse", die Welt der Farsen, jene sechzig bis neunzig Minuten dauernden, schnell fabrizierten larmoyant-komischen Werke, die um 1810 die theatralische Herkunft Rossinis ausmachen:

Storys wie aus den Vorabendserien: Eine Tochter muss ihrem Vater erklären, dass sie in der Fremde ein Kind bekommen hat; oder ein Sultan gibt erst dann seine Geliebte frei, als er erkennt, dass es seine Tochter ist. Dem Pesaro-Purismus (nur Rossini zu spielen) hat man dabei abgeschworen und Rossinis Adina Pietro Generalis Farsa Adelina gegenübergestellt, zu Herzen gehende Stücke, die wie Pesaro nun seit mehr als zwei Jahrzehnten immer noch Appetit auf mehr machen. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.08.2003)

Bernhard Doppler aus Pesaro
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