Symphonische Meditationen

19. August 2003, 19:29
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Dietrich Fischer-Dieskau und Bertrand de Billy mit dem RSO Wien

Salzburg - Zweimal war in den Konzerten des Radio Symphonieorchesters Wien vom Tod die musikalische Rede. Zunächst, als der deutsche Über-alles-Bariton Dietrich Fischer-Dieskau in seiner geliebten, keineswegs glückhaften Ei- genschaft als Kapellmeister das Deutsche Requiem von Johannes Brahms in leider traditioneller Manier vor sich herschob; und dann, als der Chefdirigent des RSO den Tod der Cleopatra von Hector Berlioz auf rezitativische und meditative Reise schickte.

Und dies in einer vitalen, auf kleinste orchestrale Regungen eingeschworenen Darstellung, mit sorgfältigen Recherchen im Hinblick auf dramatische Zuspitzungen, wobei die Mezzosopranistin Violeta Urmana als Cleopatra allenfalls im Bereich der klanglichen und atmosphärischen Abstufung etwas schuldig blieb, insgesamt aber eine imponierende, berührende Porträtstudie der ägyptischen Römergespielin modellierte.

Zurück zur Brahms-Defensive unter Mitwirkung der von Rupert Huber mustergültig vorbereiteten, ja inspirierten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Womöglich würde dieser Herrscher über alles Kollektivvokale in Eigenverantwortung einen dramatischeren, mehr vom Wort her kommenden Brahms bevorzugen, als er Fischer-Dieskau mit seinen von Satz zu Satz angeglichenen (Ausdrucks-)Tempi zum Vorbild geworden ist.

Das große Werk wirkt unter solchen Umständen wie eine monumentale Wurstmaschine, aus der in immerwährender Pressbewegung das Diesseitige und das Jenseitige herausgepresst wird. Daran ändern auch nichts die schönen Soli von Thomas Hampson, weniger freilich die etwas verspäteten Sopranbekundungen von Julia Varady - eine vokale Familiengeschichte aus dem Hause Fischer-Dieskau, wie man weiß.

RSO-Chef Bertrand de Billy hatte mit seinem Orchester Mannigfaltiges aufgeboten - mit innigem Blick nach Frankreich und mit ausführlichem Seitenblick nach Italien. Messiaens symphonische Himmelfahrt-Meditationen ertönten zunächst noch etwas bläserverwackelt, entfalteten sich dann aber in stolzer, einfältiger Pracht.

Nach der Pause dann eine Wiederbegegnung mit Henzes Vitali-Paraphrase Il Violino raddoppiato. Benjamin Schmid kurvte und schmachtete, säuselte und protzte nach allen Regeln der Geigenkunst und den freien Regeln einer Bearbeitung, die sich an alter Ciacona-Kunst entzündet und im Altertümlichen das Gegenwärtige entfacht. Gidon Kremer hat das Werk 1978 bei den Festspielen uraufgeführt.

So wie es hier in Salzburg wiedergegeben wurde, zeigt es Lebensfähigkeit in all seinen kurzweiligen, aber auch zopfig-historisierenden Variationsverkleidungen. Debussys Iberia am Ende hätte man sich rhythmisch etwas knackiger, unverbindlicher vorstellen können. Das freilich ändert nichts am Eindruck, dass sich das Orchester mit de Billy auf gutem Weg befindet und in Salzburg auch weiterhin seinen Platz haben sollte. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.08.2003)

von Peter Cossé
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