Ein Aufbruch ins ungelebte Leben

19. August 2003, 19:35
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Mit einer Auswahl aus den Werken mit ihr befreundeter Autorinnen ist Christa Wolf in Salzburg ein großer Festspielabend gelungen

Verdrängtes, verwaltetes, unterworfenes Leben - und der Protest der Literatur dagegen.

Salzburg - Der Staat, der sich "demokratisch" und "deutsche Republik" nannte, ist ausrangiert. Die Zeit ist vorbei. Aber die Zeit heilt keine Wunden: Die großen, allesamt zu früh gestorbenen und zu spät berühmt gewordenen Dichterinnen der DDR, die Christa Wolf am zweiten Abend ihres dreiteiligen Salzburger "Dichterinnen zu Gast"-Projekts am Montag vorstellte, schrieben von den Wunden, die Leben und Staat ihnen schlugen.

So entstand eine Literatur, die von dem spricht, was nicht nur "dort" offiziell nicht vorkam: Leid, Ungenügen, Unterdrückung des Subjekts. Deshalb war dieser Abend eben nicht nur eine Reise in die Geschichte, sondern einer ins Leben: Die - inzwischen zu Kulttexten avancierten - Werke von Brigitte Reimann, Inge Müller, Irmtraud Morgner und Maxie Wander verwandelten, großartig gelesen von den "Ossie"-Schauspielerinnen Jutta Hoffmann und Johanna Schall, das Salzburger Landestheater in eine Ruinenlandschaft: zerbombte Leben und Wundmale.

"Drei von ihnen, Jahrgang 1933, also vier Jahre jünger als ich, starben an Krebs: Brigitte Reimann, Maxie Wander, Irmtraud Morgner. Eine, Inge Müller, hat ihrem Leben selbst ein Ende gemacht. Untereinander haben sie sich nicht gekannt, ich war mit ihnen befreundet." - Auch dies war "Öffentlichkeit", eine der Freundschaften. Christa Wolf war in vielem und für viele eine Schaltstelle und geistert selbst durch die Tagebücher Maxie Wanders und Brigitte Reimanns, ganz unterschiedliche Temperamente.

Kritische Stimmen

Verbindungen kamen aus dem gemeinsamen Ausgangspunkt: "Unser Einschnitt, das war 1945. Die Anschubbewegung des sozialistischen Experiments, des Experiments einer neuen Gesellschaft, an die wir, ganz unterschiedlich, glaubten. Ihre Voraussetzungen erwiesen sich als unhaltbar. Meist fehlte auch das Hinterland, eine widerständige Gesellschaft. Der Staat glaubte, sich keine kritischen Stimmen leisten zu können."

Und dann tauchten just diese Stimmen auf. Da schrieb Brigitte Reimann, deren Tagebücher - Notate vom sexuellen Protest einer jungen Frau gegen gesellschaftlich verordnete Prüderie, Notate auch aus dem Inneren eines verwalteten Kulturbetriebs - in den letzten Jahren ein Massenerfolg wurden, da schrieb also "die" Reimann vom Unbehagen im Plattenbau:

Warum sollten Arbeiter sich mit der offiziellen Parzellierung von "Glück" abfinden? Was denkt eine Verwaltung, die für ihr Volk - natürlich nicht für die Funktionäre in ihren Ostberliner Villen - so zynisch bauen lässt? Franziska Linkerhand, Reimanns Romanheldin, stellt diese Fragen dem Herrn Stadtarchitekten von Neustadt. Johanna Schall liest die Passagen in exakter Mischung aus Unnachgiebigkeit und subjektivem Gefühl.

Oder auch Inge Müller: Ja, sie hatte einmal einen großen Mann an ihrer Seite, Heiner Müller, den sie 1955 heiratete. Aber erst lange nach ihrem Selbstmord 1966 wurden ihre Gedichte im Band Daß ich nicht ersticke am Leisesein (2002) veröffentlicht. "Sie - verschüttet im Bombenkrieg - war die einzige Frau, die aus Soldatenperspektive schrieb", so Christa Wolf. Man muss hier die große Kunst kleiner Gesten und Stimmbewegungen der Jutta Hoffmann erlebt haben, um die herbe Zartheit und die feste Kontur dieser Gebilde zu erfahren: "Ein Verbrecher bin ich: halt nichts von Geld/Ich will alles von der Welt." Was ist nun "alles"?

Nach nicht weniger fragte Maxie Wander 1977, als sie Frauen aus verschiedensten Schichten für ihr Buch Guten Morgen, du Schöne interviewte. Was für ein Buch, immer noch: Weil hier ein Mensch zuhört, weil andere dies spüren, weil so ein ganz anderer, gar kein journalistischer Interviewband entsteht, Sozial-und Seelenerkundung in einem.

In den Sätzen der Physikerin etwa, die Jutta Hoffmann witzig vortrug, scheint zunächst alles heil, die Familie, der Beruf. In Maxie Wanders Gegenwart aber bricht dieser bürgerliche Lack auf. Das Sprechen reißt hier die Mauern geregelten Lebens nieder, das Bürgerliche und Kleinbürgerliche, das auch das zugrunde richtete, was Wolf immer noch "das sozialistische Experiment" nennt. Und so untergrub dieser Abend der Festspiele, die seit Hofmannsthals Programmentwurf einen Hort des Bürgertums bilden, genau die Grundlagen, auf denen es fußt: auf der Zähmung etwa - und auf der Verdrängung ungelebter Möglichkeiten. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.08.2003)

Abschlussveranstaltung Mittwoch, 22 Uhr: "Medea"-Performance

von Richard Reichensperger

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    Die Deutsche Autorin Christa Wolf, während einer Lesung im Rahmen der Salzburger Festspiele

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