Frankreichs Premierminister kommt ins Schwitzen

21. August 2003, 13:44
posten

Strukturelle Schwächen des Gesundheitssystems offen gelegt

Paris - Die Temperaturen sind gefallen, und in Frankreich hat die Aufarbeitung der "nationalen Gesundheitskatastrophe" begonnen: Wie konnten bis zu 5.000 Menschen einer Hitzewelle zum Opfer fallen? Die Krise Anfang des Monats legte nach Ansicht von Fachleuten strukturelle Probleme des französischen Gesundheitssystems offen und warf Fragen nach dem Platz der Alten in der Gesellschaft auf. Viele starben, alleingelassen von ihren Familien im Ferienmonat August. Zudem hagelt es Kritik am Krisenmanagement der Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin.

Viel zu spät reagiert

Viel zu spät habe sie auf die sich anbahnende Katastrophe reagiert, so der Vorwurf von Ärzten und Opposition. Im Kreuzfeuer steht Gesundheitsminister Jean-Francois Mattei. Nachdem das Fernsehen der schwitzenden Nation am vorvergangenen Sonntag im Fernsehen die Bilder von überfüllten Notaufnahmen in Pariser Krankenhäusern zeigte, verkündete der aus seinem Ferienhaus in Südfrankreich zugeschaltete Minister, die Regierung habe ein Infotelefon über das richtige Verhalten bei Hitze geschaltet.

Raffarin bügelte die Hilferufe von Ärzteverbänden erst als Polemik ab, um dann überstürzt seinen Urlaub abzubrechen und einen Notfallplan für die Krankenhäuser in Kraft zu setzen.

Regierung verschanzt sich

Seit ein paar Tagen verschanzt sich die Regierung hinter der Argumentation, sie sei von den untergeordneten Behörden nicht richtig informiert worden. Mattei stellte den Chef seiner Gesundheitsdirektion DGS öffentlich bloß, der daraufhin seinen Hut nahm. Ein Bauernopfer, kritisiert die Opposition. Der lange durch Abwesenheit glänzende Raffarin droht, seinen Ruf als volksnaher Politiker zu verspielen. Derzeit lässt er sich gern bei Besuchen in Altersheimen fotografieren und kündigt Konsequenzen an. Zudem beklagte er die mangelnde Solidarität mit den Alten, die vor allem Opfer der fast zwei Wochen andauernden Hitze wurden.

Tausende Opfer

Der Vorsitzende des Verbandes der Altersheimdirektoren (ADEHPA), Pascal Champvert, erinnerte den Regierungschef jedoch daran, dass dieser gerade drastisch die Zuschüsse gekürzt habe, mit denen Pflegepersonal für die zahlreichen nicht besetzten Stellen gewonnen werden sollte.

Tausende Hitzeopfer mussten in den Pariser Krankenhäusern bittere Erfahrungen mit den in Ferienzeiten chronisch überlasteten Notaufnahmen machen. Stundenlang lagen einige Patienten nur notdürftig versorgt in Betten auf den Gängen, bis sie eingehend untersucht und behandelt wurden. Die Hitzewelle habe "auf himmelschreiende Art und Weise" die andauernde Unterversorgung ans Tageslicht gebracht, erklärten der Chef der Notaufnahme des Pariser Krankenhauses Pitie-Salpetriere, Bruno Riou, und der Direktor des Rettungsdienstes der französischen Hauptstadt, Pierre Carli, der Tageszeitung "Le Monde".

Der zum Rücktritt gedrängte Generaldirektor der Gesundheitsbehörde DGS, Lucien Abenhaim, wies jedoch darauf hin, dass die Hitzewelle in Frankreich mit Nachttemperaturen nicht unter 25 Grad ein derartig außergewöhnliches Ereignis gewesen sei, wie es sich auch in südeuropäischen Ländern nicht ereignet habe. (APA)

Share if you care.