Zerbröseltes Voest-Urgestein: Franz Struzl im Porträt

21. August 2003, 19:13
5 Postings

Der Manager arbeitete sich vom Controller zum Generaldirektor eines der erfolgreichsten europäischen Stahlkonzerne hoch

Linz/Graz - Große öffentliche Auftritte waren und sind seine Sache nicht, er liebt eher das stille, zähe Hinaufsteigen auf einen Berg. Und auch an die Spitze der voestalpine ist er mehr durch Schicksal denn durch Karrierestreben gelangt - Franz Struzl, in der steirischen Stahlindustrie gereifter und altgedienter voestalpine-Mann und seit zwei Jahren Generaldirektor des österreichischen Paradekonzerns. Zuletzt stand Struzl durch die Insider-Affäre erst recht in jenem Scheinwerferlicht, das er eigentlich nicht wirklich sucht.

Erfolgreiche Umstrukturierungen

Franz Struzl wurde am 3. Juli 1942 in Wiener Neustadt geboren. Er besuchte in Bruck an der Mur in der Steiermark die Realschule. Nach der Matura im Jahr 1961 studierte er an der Hochschule für Welthandel in Wien und trat anschließend - 1967 - in die damalige Alpine-Montan Gesellschaft in Donawitz ein, die in den 70er-Jahren mit der Linzer Voest zum Voest-Alpine-Konzern (heute voestalpine) verschmolzen wurde.

In den Folgejahren hatte Struzl eine Reihe von leitenden Funktionen in den Bereichen Finanzwirtschaft und Controlling in den steirischen Voest-Alpine-Betrieben inne. Vor allem war er mit Peter Strahammer für die erfolgreiche Umstrukturierung des steirischen Langproduktebereichs verantwortlich. Österreichs Stahlindustrie war damals in den technologisch defensiven Profilsektor ("Langprodukte") der steirischen Alpine-Betriebe mit dem Stahlwerk Donawitz und den (profitableren) Flachsektor (Bleche) der Linzer Voest aufgeteilt, was im Prinzip heute noch gilt. 1993 übernahm Struzl die Gesamtverantwortung für den Langproduktebereich des Konzerns, zu dem auch die Drahtbetriebe und das Rohrwerk Kindberg in der Steiermark gehörten.

Im Vorstand seit 1994

Seit Beginn 1994 war Struzl Mitglied des Vorstandes der - aus dem Voest-Alpine-Konzern nach einem Börsegang hervorgegangenen - Voest-Alpine Stahl AG, seit 1999 als deren stellvertretender Generaldirektor. Er schaffte es, das sperrige Produkt Eisenbahnschienen, ein Spezialgebiet des Walzwerks Donawitz, bis nach Asien zu verkaufen. Und es gelang ihm, den Stahl-Standort Donawitz gegen politische Schließungspläne zu retten. Das langjährig schwer finanzmarode Nahtlosrohrwerk Kindberg brachte Struzl in eine Partnerschaft mit einem der größten US-Spezialisten für Ölfeldausrüstungen ein und damit in die Gewinnzone. Keinen Erfolg hatte Struzl im Bemühen, in den USA mit Voest-Alpine-Know-How ein Schienenwalzwerk zu errichten, da kam die US-amerikanische Stahl- und Wirtschaftskrise in die Quere.

Im September 2001 wurde Struzl zum neuen Vorstandsvorsitzenden der Voest-Alpine AG mit Wirksamkeit bis Sommer 2006 ernannt. Er folgte damit dem bei einer Bergtour tödlich verunglückten Peter Strahammer nach. Nach seiner unglücklichen Insider-Trading-Geschichte vom Sommer 2002 mit Aktien des Zeltweger Weichenherstellers VAE und der darauf folgenden massiven Kritik wirft Struzl jetzt das Handtuch und wird dem voestalpine-Aufsichtsrat am 19. September die vorzeitige Auflösung seines Vertrages anbieten. (APA)

Share if you care.