Vier Todesurteile für Casablanca-Attentäter

20. August 2003, 18:49
posten

83 Helfer und Hintermänner von fünf Anschlägen in der marokkanischen Hafenstadt verurteilt

Casablanca - Drei Monate nach den Selbstmordanschlägen in Casablanca mit 45 Toten hat ein Gericht in der marokkanischen Hafenstadt vier Terroristen zum Tode verurteilt. Die Angeklagten im Alter zwischen 22 und 27 Jahren seien des Mordes, der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung und der Gefährdung der staatlichen Sicherheit schuldig, entschieden die Richter am Dienstag. Bei den Verurteilten handelte es sich um drei Selbstmordattentäter, die die Anschläge überlebt hatten, sowie um einen Drahtzieher.

Bei den Anschlägen am 16. Mai hatten sich fünf Terrorkommandos fast zeitgleich vor westlichen und jüdischen Einrichtungen in die Luft gesprengt. 45 Menschen wurden bei dem Blutbad getötet, 100 weitere verletzt. Unter den Toten waren auch zwölf der insgesamt 15 Attentäter. Die Terroristen und ihre Hintermänner gehörten nach Angaben der Ermittler der verbotenen radikal-islamischen Organisation "Salafia Jihadia" (Der wahre Heilige Krieg) an. Ob diese Gruppe mit dem Terrornetz El Kaida von Osama bin Laden in Verbindung steht, konnte nicht geklärt werden.

Das Gericht verurteilte 83 Hintermänner und Helfer der Terroristen zu Haftstrafen, die von zehn Monaten bis lebenslang reichten. 39 Angeklagte müssen lebenslänglich ins Gefängnis. Dazu gehörten auch die führenden Köpfe der Organisation, darunter ein Prediger, ein Lehrer, ein Geisteswissenschaftler und ein Händler, sowie mehrere "Reserve-Terroristen", die bei anderen Selbstmordanschlägen eingesetzt werden sollten. Der geistliche Führer von Salafiya Jihadia wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Einer der zum Tode verurteilten Attentäter gestand, er habe "gehofft, mich in die Luft sprengen zu können" - vor einem Hotel, das zu den Anschlagszielen zählte. Zur Begründung erklärte er, er sei mit der politischen Situation in Marokko nicht zufrieden. Viele der Angeklagten bezeichneten sich nicht als schuldig und bezeichneten sich als Patrioten, die gegen Gewalt seien.

Politische Beobachter in Rabat hielten es für wahrscheinlich, dass die zum Tode verurteilten Terroristen erhängt oder erschossen werden. Zwar wurde die Todesstrafe in Marokko seit 1993 nicht mehr vollstreckt. Aber König Mohammed VI. hatte nach den Anschlägen ein hartes Durchgreifen angekündigt: "Die Zeit der Nachsicht ist vorbei." Zudem war nach den Attentaten ein neues Antiterror-Gesetz verabschiedet worden.

Der Prozess fand unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Angeklagten waren in Gruppen aufgeteilt und saßen in einem kugelsicheren Glaskasten. Die Anschläge galten einem Hotel, dem spanischen Kulturhaus, einem italienischen Restaurant und zwei israelischen Einrichtungen. Unter den Todesopfern waren auch vier Spanier, drei Franzosen, ein Italiener und ein Serbe.

In Marokko dürften noch weitere Terroristen-Prozesse folgen. Im Zuge der Ermittlungen waren mehrere Tausend mutmaßliche Extremisten festgenommen worden. Gegen 700 von ihnen sollte Anklage erhoben werden. Menschenrechtsorganisationen sprachen von einer beispiellosen Welle der Repression gegen Islamisten in dem nordafrikanischen Königreich. Anfang Juli waren bereits zehn Mitglieder von "Salafia Jihadia" wegen anderer Vergehen zum Tode und 21 weitere zu langen Haftstrafen verurteilt worden.(APA/dpa/AP/Reuters)

Share if you care.