UNO: "Wir lassen uns nicht einschüchtern"

21. August 2003, 20:35
278 Postings

Ein Drittel der UN-Mitarbeiter soll abgezogen werden - Sprengstoff- menge läßt auf Terrorgruppe schließen - Mindestens 24 Tote und 108 Verletzte

Bagdad/New York/Stockholm/ Berlin/Ankara/Wien - Die Zahl der Toten des Anschlags auf das UNO-Hauptquartier in Irak ist auf mindestens 24 gestiegen. Dies sagte ein UNO-Vertreter am Mittwoch in Bagdad der Nachrichtenagentur AFP. Bisher war von rund 20 Todesopfern und mehr als hundert Verletzten die Rede gewesen. Es liegen aber vermutlich noch Opfer unter den Trümmern des Gebäudes. Bei dem größten Anschlag auf die Vereinten Nationen in der Geschichte der Weltorganisation ist auch der UNO-Sonderbeauftragte für Irak, Sergio Vieira de Mello.

UN wollen ein Drittel ihrer Mitarbeiter aus dem Irak abziehen

Als Reaktion auf den blutigen Bombenanschlag auf den UN-Sitz in Bagdad ziehen die Vereinten Nationen ein Drittel ihrer Mitarbeiter aus dem Irak ab. Rund 100 Mitglieder des Verwaltungspersonals würden nach Jordanien und Zypern ausgeflogen, kündigte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Ramiro Lopez da Silva, am Donnerstag an.

300 Menschen normalerweise im Gebäude

86 Menschen sind nach Angaben der UNO nach dem Anschlag in Krankenhäuser in Bagdad eingeliefert worden, 22 Menschen hätten leichtere Verletzungen davongetragen, sagte die UNO-Sprecherin in New York. Vier Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds (IWF) waren unter den Verletzten. In der UNO-Vertretung in Bagdad sind auch die Vertretungen des IWF und der Weltbank untergebracht. Normalerweise hielten sich rund 300 Menschen in dem Gebäude auf.

Die Explosion ereignete sich um 16.30 Uhr (14.30 Uhr MESZ). Durch die Wucht der Detonation wurde eine Seite des Gebäudes völlig verwüstet. UNO-Sprecher Salim Lone sagte am Schauplatz des Anschlags: "Alles geschah direkt unter dem Fenster von Sergio Vieira de Mello. Ich glaube, es war das Ziel. Sein Büro und die darum herum gibt es nicht mehr - alles liegt in Trümmern."

Chalabi: UNO-Hauptquartier als Angriffsziel bekannt gewesen

Fünf Tage vor dem Autobombenanschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad am Dienstag hat es bereits Hinweise auf entsprechende Angriffspläne gegeben. Das sagte ein Mitglied des Provisorischen Übergangsrates, Ahmed Chalabi, am Mittwoch in Bagdad. Danach haben sich am 14. August frühere Geheimdienstoffiziere, Mitglieder der Fedayin-Milizen und Extremisten verständigt, Angriffe auf so genannte "weiche Ziele" wie Parteien und die Vereinten Nationen zu unternehmen. Der Provisorische Übergangsrat habe diese Information mit der US-Seite geteilt, sagte Chalabi.

Regierungsrat macht Saddam-Anhänger für Anschlag verantwortlich

Der irakische Regierungsrat hat Anhänger des entmachteten Präsidenten Saddam Hussein oder ausländische Terroristen für den Anschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad verantwortlich gemacht. Das irakische Volk werde sich "gegen die Terroristen wehren und eine sichere, demokratische und freie Gesellschaft gründen", hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung. Das von den USA eingesetzte Gremium forderte die "irakischen Bruderstaaten" und die UNO auf, dem irakischen Volk bei seinem Bemühungen um Stabilität zu helfen.

Irakische Polizei übernimmt Ermittlungen

Die Ermittlungen zu dem Anschlag werden nach Angaben von US-Zivilverwalter Paul Bremer von der irakischen Polizei in Zusammenarbeit mit der US-Bundespolizei FBI geführt. FBI-Ermittler sind auch bei der Untersuchung des Anschlag vor der jordanischen Botschaft am 7. August in Bagdad aktiv. "Wir werden jeden Stein umdrehen, um die Urheber dieses Anschlags zu finden", versprach der US-Verwalter für den Irak, Paul Bremer. Manche Spekulationen nannten das Terrornetzwerk El Kaida oder die islamistische Extremistengruppe Ansar al Islam als mögliche Urheber des Attentates.

Menge des Sprengstoffs lässt auf Terrogruppe schließen

Beobachter betonten, dass diese Anschläge von Selbstmordattentätern weitaus professioneller ausgeführt worden seien als die in letzter Zeit häufigen Übergriffe auf US-Soldaten. Allein die hohe Menge des verwendeten Sprengstoffs lasse auf das Werk einer gut organisierten Terrorgruppe schließen. Der frühere New Yorker Polizeichef Bernard Kerik, der mit dem Aufbau der irakischen Polizei betraut ist, hielt es auf Grund der Beweislage vom Mittwoch allerdings für verfrüht, das Terrornetzwerk El Kaida verantwortlich zu machen.

Warum UNO als Angriffsziel?

Gleichwohl wurde dies nicht ausgeschlossen. Schon nach dem Anschlag auf die jordanische Botschaft war der Verdacht auf die Gruppe Ansar al Islam gefallen, der enge Verbindungen zu El Kaida nachgesagt werden. Wie El Kaida könnte diese Organisation nach Ansicht von Beobachtern durchaus die Vereinten Nationen zum Angriffsziel erklären, weil sie der Weltorganisation vorwirft, der Besetzung des Irak Legitimität zu verleihen.

De Mello starb unter den Trümmern

Ein Augenzeuge berichtete, der UNO-Sonderbeauftragte de Mello habe kurz vor seinem Tod mit leiser Stimme nach einem Glas Wasser verlangt. Ein Rettungshelfer habe mit bloßen Händen versucht, sich zu dem schwer verletzten und eingeklemmten UNO-Sonderbeauftragten vorzuarbeiten. "Als er zu ihm durchgedrungen war, war de Mellos Körper bereits kalt." Der telefonische Kontakt zu ihm brach nach Angaben eines Beraters etwa zwei Stunden nach dem Anschlag am Dienstag ab.

Unter Trümmern eingeklemmt

Zuvor habe Vieira de Mello ihm telefonisch mitgeteilt, dass ein Eisenträger auf seinen Beinen liege und er sich nicht bewegen könne. Die Decke in seinem Büro im zweiten Stock des Gebäudes sei eingestürzt. Verletzt wurde bei dem Anschlag auch der Direktor des UNO-Programms Öl für Lebensmittel, Benon Sevan, der zum Zeitpunkt des Anschlags eine Pressekonferenz abhielt.

Bei Anschlag auch Deutscher verletzt

Bei dem schweren Anschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad ist auch ein Deutscher leicht verletzt worden. Der Mann gehöre zu einem Nothilfe-Team der Weltbank und sei in ein Militärkrankenhaus der irakischen Hauptstadt eingeliefert worden, teilte das Bundesentwicklungshilfeministerium am Mittwoch in Berlin mit.

Türkei beteiligt sich an Bergungsarbeiten

Die Türkei hat auf Wunsch der USA Helfer für die Bergungsarbeiten im zerstörten UNO-Hauptquartier nach Bagdad geschickt. Das zehnköpfige Team sei mit einer US-Militärmaschine in den Irak geflogen, teilte die türkische Zivilschutzbehörde am Mittwoch in Ankara mit. Die Helfer seien mit Suchhunden und Fahrzeugen ausgestattet.

Schutzmauer und keine große amerikanische Präsenz vorm Gebäude

Erst vor kurzem war eine vier Meter hohe Schutzmauer rund um das UNO-Gebäude in Bagdad fertig gestellt worden. Die zerstörte UNO-Zentrale in Bagdad war nach Angaben der Vereinten Nationen nur leicht bewacht, weil die UNO ein großes Aufgebot an US-Soldaten vor dem Gebäude vermeiden wollten. "Wir wollten keine große amerikanische Präsenz davor", sagte UNO-Sprecher Salim Lone dem US-Fernsehsender CNN. Die US-Besatzungstruppen hätten aber die Umgebung des Hotels überwacht. "Wir wollten nicht so viele Sicherheitsleute, weil wir hier sind, um den Irakern zu helfen", erklärte Lone.

Tatfahrzeug: Gelber Zementmischer

Ein UNO-Angestellter sagte der Nachrichtenagentur AFP, bei dem Tatfahrzeug habe es sich um einen gelben Zementmischer gehandelt. Der Lastwagen habe die Mauer des Canal-Hotels durchbrochen und sei explodiert. Durch die Detonation wurde das Gebäude weitgehend zerstört. US-Zivilverwalter Paul Bremer vermutete, die Täter könnten aus Syrien, dem Sudan oder dem Jemen gekommen sein. Im Irak befinde sich eine große Zahl ausländischer Terroristen, sagte Bremer im US-Sender ABC. Er kündigte eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen an.

UNO bleibt im Irak und zieht kein Personal ab

UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat am Mittwoch den Verbleib der Weltorganisation im Irak nach dem Anschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad angekündigt. Es sei kein Abzug von Personal vorgesehen. Bei einer Pressekonferenz in Stockholm sagte Annan, die Arbeit zur Hilfe für das irakische Volk werde fortgesetzt. Der Generalsekretär kündigte an, er wolle noch am Mittwoch mit dem Sicherheitsrat über die weitere Arbeit der UNO in Irak sprechen. "Wir werden weitermachen. Das ist eine wichtige Arbeit, erklärte Annan. "Wir lassen uns nicht einschüchtern." Die Mitarbeiter am Schauplatz wurden angewiesen, vorerst zu Hause zu bleiben.

UNO hatte sich auf Sicherung der Umgebung durch alliierte Truppen verlassen

Annan kritisierte indirekt die Vereinigten Staaten, die die Probleme im Irak nach dem Krieg unterschätzt hätten: "Wir hatten gehofft, dass die alliierten Truppen bis jetzt die Umgebung gesichert hätten, damit wir den Wiederaufbau fortsetzen können." Es seien Fehler gemacht worden, sagte Annan. Nichts aber entschuldige "diesen Akt grundloser und mörderischer Gewalt". Die Extremisten leisteten dem Volk keinen Dienst.

Auch der Bagdader UNO-Sprecher Salim Lone bestätigte am Mittwoch in der Früh, dass die UNO entgegen anders lautenden Berichten derzeit keine Pläne habe, eine große Zahl von Mitarbeitern aus dem Irak ins Ausland zu verlegen. Zuvor hatten UNO-Mitarbeiter gesagt, es sei eine Evakuierung nach Jordanien geplant. Lone sagte, eine derartige Entscheidung sei nicht getroffen worden. Es würden jedoch Mitarbeiter wie geplant in Rahmen eines Rotationssystems das Land verlassen. Zudem würden viele bei dem Anschlag in Bagdad verletzte UNO-Mitarbeiter in Jordanien behandelt.

UNO-Mitarbeiter: Iraker der UNO gegenüber freundlich gesinnt Die irakische Bevölkerung unterscheidet zwischen der Militärbesatzung und den Vereinten Nationen, sagte der österreichische UNO-Mitarbeiter Wolfgang Krajic im ORF-Fernsehen am Mittwoch. Der Unterschied zu den Besatzungsmächten bestehe darin, dass diese in erster Linie für die Sicherheit zuständig seien, die UNO hingegen rein für humanitäre Hilfe, zivile Versorgung und Wiederaufbau, sagte Krajic, der für das UNO-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) im Irak tätig gewesen war.

"Neutrale bis freundliche" Haltung der Bevölkerung gegenüber UNO

Der UNO-Mitarbeiter erzählte von einer "neutralen bis freundlichen" Haltung der Bevölkerung der UNO gegenüber zu Beginn seines Einsatzes. Diese Haltung sei Ende Mai, nach der UNO-Resolution zum Irak, "noch freundlicher" geworden. Diese Resolution sprach den USA und Großbritannien die Vollmacht für eine umfassende Neugestaltung des Landes zu. Zugleich sollten sie die Kontrolle über die irakische Ölförderung erhalten.

Kofi Annan: Verbrechen gegen die UNO und den Irak - Sondersitzung am Mittwoch

Niemand werde den Vereinten Nationen mehr fehlen als de Mello, erklärte UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Die ihn auf dem Gewissen hätten, hätten "ein Verbrechen gegen die UNO und gegen den Irak verübt". Am Mittwoch um 23.00 Uhr (MESZ) soll der UNO-Sicherheitsrat in einer Sondersitzung die Lage in Irak beraten.

Bush: Anschlag keinen Einfluss auf Bemühungen der US-Streitkräfte

Nach einem Telefonat mit Annan kündigte US-Präsident George W. Bush an, der UNO im Irak "jegliche mögliche Unterstützung" zu leisten. "Die zivilisierte Welt wird sich nicht einschüchtern lassen und diese Mörder werden nicht die Zukunft des Irak bestimmen." Jeglicher Fortschritt in dem Land trage zur Verzweiflung von Terroristen und den Resten von Saddams Führung bei, sagte Bush und fügte hinzu: "Der Irak ist auf einem unumkehrbaren Weg zur Selbstverwaltung und zum Frieden. Und Amerika und seine Freunde bei den Vereinten Nationen werden dem irakischen Volk beistehen."

Reaktion Rumsfelds

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestritt, dass die Situation im Irak außer Kontrolle gerate. "Was es signalisiert, ist, dass Terroristen jedes Ziel angreifen können, jeden Ort", sagte Rumsfeld. Die USA haben oftmals Anhänger Saddams für die fast täglichen Anschläge auf US-Soldaten im Irak verantwortlich gemacht. In den vergangenen Wochen haben US-Militärs verstärkt von ausländischen Terroristen gesprochen, die hinter den Attentaten stünden.

Der Präsident des irakischen Regierungsrates, Ibrahim el Jaafari, forderte eine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen in seinem Land. Die Arabische Liga sprach von einem "ernsthaften terroristischen Verbrechen".

Stellungnahmen anderer Nationen

Der russische Außenminister Igor Iwanow wies darauf hin, dass die Koalitionstruppen für die Sicherheit der UNO-Mitarbeiter in Irak verantwortlich seien. Frankreichs Präsident Jacques Chirac drückte seine "Bestürzung" und "Wut" aus, der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach von einem "verbrecherischen Anschlag". Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva ordnete nach dem Tod des Brasilianers de Mello Staatstrauer an. Auch Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V) zeigte sich bestürzt über den Anschlag und de Mellos Tod. In einem Telegramm an Annan drückte sie den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Mitgefühl aus und betonte, dass Österreich eine zentrale Rolle der Vereinten Nationen bei der Wiederherstellung des Friedens im Irak befürworte. (red/APA/AP/dpa/Reuters)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Trotz Anschlag ließ Annan wissen: ."Wir werden weitermachen. Das ist eine wichtige Arbeit. Wir lassen uns nicht einschüchtern."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der UN-Sonderbeauftragte De Mello wurde bei dem Anschlag auf das UN-Hauptgebäude in Bagdad getötet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der UNO-Sitz in Bagdad vor der Explosion.

Share if you care.