Österreichische Krebshilfe warnt

19. August 2003, 13:05
posten

Wegen der Gefahren, die von den Medikamenten ausgehen, sollen Frauen sogar den Abbruch ihrer Therapie überlegen

Wien - Paukenschlag in Sachen Mammakarzinom: Die Österreichische Krebshilfe warnt vehement vor dem höheren Brustkrebs- und Brustkrebssterberisiko in Folge eines Hormonersatzes nach der Menopause. Österreichs Ärzte sollten alle Frauen mit einer solchen Substitution darüber aufklären. Es sollte versucht werden, den Hormonersatz zu beenden, stellte die Organisation am Montag in einer Aussendung fest, die von dem Wiener Gynäkologen und Krebsspezialisten Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda unterzeichnet wurde.

Der Hintergrund: In der britischen Medizin-Fachzeitschrifte "The Lancet" wurde am 9. Augsut die weltweit größte Untersuchung zur Frage der Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Formen einer Hormonersatztherapie im Wechsel und der Anzahl an Brustkrebserkrankungsfällen und auch der Sterblichkeit an Brustkrebs veröffentlicht.

Über eine Million Frauen befragt

Dabei wurden von 1996 bis 2001 insgesamt 1,084.110 Frauen zwischen 50 und 64 Jahren in Großbritannien im Rahmen des nationalen Brustkrebsscreeningprogrammes befragt, welche Hormonersatztherapie sie durchführen, wie lange und in welcher Dosierung. Die Österreichische Krebshilfe: "Bei dieser Untersuchung konnte nun nach einer Beobachtungszeit von 2,6 Jahren gezeigt werden, dass sich das Risiko der Brustkrebserkrankung für jene Frauen, die unter einer Hormonersatztherapie stehen um insgesamt 66 Prozent gegenüber Frauen, die nie eine Hormonersatztherapie genommen haben, erhöht. Die gute Nachricht dieser Studie lautet, dass für Frauen, welche die Hormonersatztherapie abgesetzt haben, das Risiko nicht mehr erhöht ist." - Ein Absetzen führt also recht schnell zu einer Verringerung der Gefährdung.

Risikoerhöhungen

Diese Risikoerhöhung sei nicht für alle Arten der Hormonersatztherapie gleich. Die alleinige Östrogentherapie, wie sie bevorzugt bei Frauen ohne Gebärmutter (nach vorheriger Hysterektomie) eingesetzt werde, zeige ein erhöhtes Risiko um 30 Prozent und liege damit deutlich besser als die kombinierte Östrogen/Gestagentherapie, die eine "Verdoppelung des Brustkrebserkrankungsrisikos zur Folge hat". Die Krebshilfe weiter: "Eine Behandlung mit Tibolon (synthetisches, hormon-ähnliches Produkt) führte ebenfalls zu einer Erhöhung um 45 Prozent, alle übrigen Hormonersatztherapien zu einer Erhöhung von 44 Prozent".

In absoluten Zahlen bedeute dies, dass unter 1.000 Frauen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren, die fünf Jahre lang eine Östrogentherapie zu sich nehmen mit zusätzlichen 1,5 Brustkrebsfällen, bei zehnjähriger Therapie mit fünf zusätzlichen Brustkrebsfällen zu rechnen ist, bei einer Östrogen/Gestagen Kombination mit sechs zusätzlichen Brustkrebsfällen bei fünfjähriger Therapie und mit 19 zusätzlichen Fällen bei zehnjähriger Therapie.

Das Problem: Für alle Hormonersatztherapien gilt laut der "Lancet"-Studie der Grundsatz, dass mit zunehmender Dauer der Behandlung auch das Risiko für die Erkrankung zunimmt. Diese Risikoerhöhung zeige sich - so die Österreichische Krebshilfe - nicht wie bisher angenommen erst ab dem fünften Jahr der Einnahme, sondern bereits ab dem zweiten Jahr für die Östrogen Monotherapie und bereits ab dem ersten Jahr für alle übrigen Hormonersatztherapien.

Zwanzig Prozent der Frauen betroffen

In Österreich erkranken pro Jahr rund 5.200 Frauen an Brustkrebs. Im Jahr 2001 starben 1.584 an dieser Krankheit. In Großbritannien errechneten die Wissenschafter, dass es in den vergangenen zehn Jahren durch die Hormonsubstitution zu 20.000 mehr Mammakarzinom-Fällen gekommen sein dürfte. In der EU erkrankten im Jahr 2000 rund 216.000 Frauen an Brustkrebs, 79.000 Betroffene starben. In Österreich dürften rund 20 Prozent nach der Menopause eine Hormon-Therapie erhalten.

Auf Grund der neuen Erkenntnisse empfiehlt die Österreichische Krebshilfe jetzt folgende weit reichenden Konsequenzen für Frauen unter Hormonsubstitution bzw. die Information der Betroffenen durch ihre Ärzte:

  • Frauen unter einer laufenden Hormonersatztherapie sind über diese Ergebnisse durch ihren behandelnden Arzt zu informieren und es sollte versucht werden, die Hormonersatztherapie zu beenden.

  • Eine prophylaktische Hormonersatztherapie bei der beschwerdefreien Frau im Wechsel ist nicht angebracht.

  • Bei Frauen mit Wechselbeschwerden, vor allem Wallungen, Nachtschweiß und Stimmungsschwankungen sollte mit Behandlungsalternativen wie pflanzliche Produkten, Homöopathie, Lebensstiländerungen und Sport begonnen werden, auch wenn damit gegenüber einer Hormonersatztherapie nicht die selben Behandlungserfolge zu erzielen sind.

  • Eine Hormonersatztherapie sollte erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Frau nach ausführlicher Information und Aufklärung über das Brustkrebserkrankungsrisiko sich dennoch auf Grund der Beschwerdesymptomatik zu dieser Behandlung entschließt.

  • Gegen ein erhöhtes Osteoporoserisiko (Knochenschwund) sind verfügbare Behandlungsalternativen einer Hormonersatztherapie vorzuziehen. (APA)
    • Artikelbild
      diestandard.at
    Share if you care.