Heftige, internationale Kritik

19. August 2003, 15:38
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Spezialisten propagierten Therapie mit Risiko - Allgemeinmediziner müssen Scherben zusammen klauben

Wien/Washington/London - Die Hormonersatztherapie bei Frauen nach dem Wechsel kommt international immer mehr in Kritik. Ehemals versprochene Vorteile wie der Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu längerer "Jugendlichkeit", Schutz vor Alzheimer-Demenz etc. haben sich offenbar nicht nachweisen lassen. Trotzdem erhielten Millionen Frauen eine solche Substitution, die offenbar sogar zu erhöhten Herz-Kreislauf- und Krebs-Risiken führt. Die Kritik in den führenden internationalen Medizin-Fachzeitschriften ist entsprechend heftig.

Hier einige Zitate

"Brustkrebs und Hormon-Ersatztherapie: Die Allgemeinmedizin muss die Scherben zusammen klauben", lautete der Titel eines Kommentars des niederländischen Experten Chris van Weel von der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universitätsklinik in Nijmegen in den Niederlanden im "Lancet" (9. August). In dieser Ausgabe war jene Studie erschienen, in der britische Wissenschafter unter mehr als einer Million Probandinnen ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko durch Hormonersatz nachwiesen.

Chris van Weel und die Co-Autoren: "Trotz rigoroser Kontrollen bei neuen Medikamenten - wie konnte heftige Werbung für den Hormonersatz (HRT, Anm.) Millionen Frauen in Gefahr bringen? (...) Als diese Therapie eingeführt wurde, wurden die Vorteile der HRT ins Rampenlicht gestellt, aber die erhöhten Risiken bezüglich Brust- und Gebärmutterschleimhautkrebs - obwohl bekannt - herunter gespielt."

"Alt bekanntes Muster"

Die Experten weiter "Für viele erfahrene Allgemeinmediziner repräsentiert die HRT-Geschichte ein alt bekanntes Muster. Zuerst führen Ärzte mit einem speziellen Interesse an einem Produkt, die auch eine besondere Expertise für sich in Anspruch nehmen, ein neues Produkt ein. Sie setzen es in ein positives Licht und überrennen die skeptischen Allgemeinmediziner mit 'Hinweisen' auf die Positiva. Der große Einfluss der Pharmaindustrie wurde benutzt, um die HRT den Ärzten anzupreisen (finanzielle Unterstützung von Menopausen-Kliniken). Auch die Patienten direkt (Frauenmagazine, Broschüren, Websites) wurden beworben, die Gefahren negiert. Und jetzt, da die Risiken deutlich demonstriert werden, bleibt es den Allgemeinmedizinern und anderen in der Primärversorgung der Patienten Tätigen übrig, das Problem zu lösen."

Werbung überrollte Grundsatz

Die niederländischen Fachleute forderten im "Lancet" genau das, was die Österreichische Krebshilfe am Montag verlangte, nämlich Information der Patientinnen und höchste Vorsicht. Gleichzeitig sollte man in Zukunft bei solchen Entwicklungen sehr zurückhaltend sein. "Bedenken über die Medikalisierung (normaler physiologischer Vorgänge, z.B. von Prozessen des Alterns, Anm.) müssen Beachtung finden. - Speziell wenn es um die Verhütung von Krankheiten bei sonst gesunden Menschen geht. Der Mangel an Hinweisen auf einen möglichen Schaden (oder positiven Effekt) ist etwas anderes als der Hinweis auf keinen möglichen Schaden (oder positiven Effekt). Dieser Grundsatz der wissenschafts-basierten Medizin wurde bei der Werbung für den Hormonersatz fast vollständig über ignoriert."

Östrogen bremst Atherosklerose nicht

Im US-New England Journal of Medicine erschienen am 7. August gleich zwei Studien, welche für die Hormonersatztherapie und die Hoffnungen, die in sie gesetzt wurden, eine Niederlage darstellten: Die vom US-Pharmakonzern Wyeth gesponserte Women's Health Initiative-Studie ergab, dass unter der Verwendung von Östrogen und Gestagen Frauen ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko (plus 24 Prozent) aufwiesen. In einer zweiten Studie zeigte sich bei bereits herzkranken Frauen, dass eine Hormonsubstitution das Fortschreiten der Atherosklerose nicht bremste. Auch das war den Hormonen ehemals nachgesagt worden.

Die Heilkunde hat gerade in den vergangenen Jahren immer mehr auf "Evidence Based Medicine" gesetzt. Das bedeutet, dass jedes medizinische Handeln durch den Beweis eines Nutzens durch wissenschaftliche Studien abgesichert sein sollte. Gerade das aber dürfte laut der Debatte in den USA offenbar in Sachen Hormonersatz nur ungenügend befolgt worden sein.

Leichtgläubigkeit

Der US-Experte David M. Herrington und ein Co-Autor (beide von der Abteilung für Innere Medizin/Kardiologie der Wake Forest University in Winston-Salem) im New England Journal of Medicine: "Der römische Dramatiker Terenz hat einmal angemerkt: 'Man glaubt leicht an etwas, das man sich erhofft.' - Ein Faktum, das eine Hilfe bei der Erklärung der Intensität der Emotionen bieten könnte, mit denen viele den angenommenen positiven Effekten des Östrogens auf Herz und Kreislauf gegenüber standen."

An ein plausibles Modell sei offenbar recht leicht geglaubt worden. Die Autoren: "An das einfache und intuitiv verlockende Konzept, dass der Ersatz der 'verlorenen' Östrogene in der Menopause einen positiven Effekt haben sollte, wurde von Patienten und Ärzten gleichermaßen leicht geglaubt. Zusammen mit eindrucksvollen indirekten Hinweisen auf eine schützende Wirkung und das wachsende Bewusstsein für die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Behandlung und Vorbeugung von Herzerkrankungen bei Frauen führte das zum fast unerschütterlichen Glauben an die Vorteile einer Hormonersatztherapie."

Die Konsequenz laut Herrington: "Als Konsequenz davon hoben sich für viele Menschen die ganz normalen Standards für die Beweisführung bei medizinischen Handlungen auf. Sie schlossen darauf, dass die Hormontherapie die richtige Maßnahme sei, um bei Millionen Frauen in der Menopause Herzerkrankungen zu verhindern - trotz der Absenz irgendwelcher großer klinischer Studien, welche das Gesamtverhältnis von Nutzen und Risiko bestimmten." (APA)

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