Interviews im Licht der Kanzlergnade

20. August 2003, 13:30
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Niemand will etwas sagen, daher ist es recht, darüber zu schreiben - Ein Kommentar von Peter Pilz

Im ORF herrscht eine neue Sitte: Bundeskanzler, Finanzminister und einige andere Herren dürfen sich aussuchen, wer sie interviewt und wer mit ihnen diskutiert. Begonnen hat das mit Wolfgang Schüssel. Sein Büro ließ der ZiB und dem Report ausrichten, welche Interviewer nicht mehr akzeptiert würden. Darauf wurden dem Kanzler andere angeboten. Sein Büro suchte aus. Einige wenige wissen jetzt, dass sie ihre Interviews im Licht der Kanzlergnade vollführen. Natürlich fragen sie schonungslos und ohne jede Gnade.

Alles geht über den Tisch des Chefredakteurs. Wo andere etwas zum Schreiben liegen haben, hortet der Chefredakteur Scheren. Einmal schneidet er Namen aus einer Gästeliste. Plötzlich kann der Finanzminister in "Offen gesagt" alles ohne ernsthafte Widerrede offen sagen. Ein anderes Mal ruft der falsche Journalist am Ballhausplatz an. Ein drittes Mal wird ein Thema vorgeschlagen, das weder schwarz noch blau leuchtet. Schnitt, raus.

Die ORF-Redakteure kränken sich. Weiter geht kaum einer. Während der Journalismus am Küniglberg zur Propaganda verkommt, gehen Dutzendschaften an hochbezahlten und fast unkündbaren Redaktionsbeamten in Deckung. Anderswo würde längst gestreikt. Am Berg wird gejammert.

Journalisten, die in einem Monopolmedium unter Druck geraten, haben nur eine Chance: Öffentlichkeit. Je mehr über die Interventionen des Kanzlers geredet wird, desto größer ist der Schutz für die, die im ORF noch wie Journalisten zu leben versuchen.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.

Peter Pilz ist Sicherheitssprecher der Grünen und im Internet mit www.peterpilz.at vertreten.

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    foto: standard/cremer

    Peter Pilz

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