Ali Baba

24. Dezember 2003, 15:01
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Neulich waren wieder nur drei Leute drin. Oder vier. So genau haben wir das nicht gesehen. Weil bei den Fenstern ...

... immer noch ein blöder Milchglasstreifen in Augenhöhe ist. Und die Tür ist halt auch nur - äh - türbreit. Im Vorbeigehen kann es schon passieren, dass man ein oder zwei Leute übersieht. Oder die Kellnerin für einen Gast hält.

Auf alle Fälle heißt das Lokal jetzt Ali Baba. Seit ungefähr zwei Wochen. Aber der Türgriff ist immer noch ein großer, hölzerner Sichelmond. So wie früher, als das Lokal La Luna hieß. Und auch die Inneneinrichtung hat sich nicht geändert. Die selben Holzsessel an den selben einfachen Tischen. Und die selbe knallmatte Bar. Genau wie alle Lokale, die in den Wochen, Monaten und Jahren zuvor hier hoffnungsvoll und gründerfreudig aufsperrten – und nach kurzer Zeit wieder verschwanden. Ohne dass das irgendjemandem aufgefallen wäre.

Ein Fluch

Erst wenn ein neuer Name, eine neues Neonschild über der Tür hängt, fällt mir - obwohl es eigentlich meistens A. ist - auf, dass da, in Spuckweite von zuhause einer Geld verheize. Wieder einmal. Und jedes Mal, wenn ein neues Neonschild montiert worden ist, fragen wir uns, was sich die neuen Wirte, Pächter oder Betreiber eigentlich denken, wenn sie an der Fassade, beim Abmontieren der alten Leuchtschrift, die Löcher entdecken, die hier alle paar Monate von denen, die vor ihnen eingegangen sind, gebohrt wurden. Hat ihnen keiner gesagt, dass es Lokale gibt, auf denen ein Fluch lastet? Halten Sie sich für dagegen gefeit? Oder glauben sie wirklich, es läge am neuen Namen, dem neuen Konzept - und nun werde alles anders?

Vier Wochen

Seit kurzem heißt das einstige La Luna - alle anderen Namen habe ich vergessen - also Ali Baba. Wie lange ich denn der Hütte diesmal geben würde, fragte A. beim Heimkommen. Vier Finger. Vier Monate, fragte A. erstaunt. Ach so, doch nur vier Wochen, nickte sie dann beruhigt. Fast hätte sie sonst nämlich an meinem Verstand gezweifelt, sagte sie später. Aber meine Erklärung sei doch schlüssig gewesen: Im Sommer würden noch weniger Leute als sonst in das schanigarten- und auch sonst assetlose Lokal kommen. Wenn weniger überhaupt möglich sei, denn eine ganze, positive Zahl die kleiner als Null sei, dann ... Ab hier hatte A. nicht mehr zugehört, sagte sie später. Sie kennt mich eben.

Manchmal, an Tagen, an denen die Nächte besonders zäh und klebrig durch die Gassen ziehen, haben wir uns schon gegenseitig dabei ertappt, darüber nachzudenken, einmal vielleicht doch einen Fuß in das Lokal mit den wechselnden Namen zu setzen. Aber zum Glück hatte der oder die Andere bisher immer gute Argumente - im Normalfall genügt ein Stirnrunzeln - das abzuschmettern. Vielleicht ist es Aberglaube. Vermutlich sogar. Die Angst, der Fluch der Kneipe könnte auf die übergehen, die sie betreten. Schließlich hat der Einzige, den ich je aus dem Lokal - dem Vorvorvorgänger des La Luna - habe kommen sehen, vor ein paar Monaten seinen eigenen Laden zugesperrt.

Der Schmuckschatullenhändler

Der Mann hatte fast ein Jahr lang versucht, in dem Geschäft neben meinem Haus, Schatullen, in die Juweliere und Uhrmacher ihre Ware legen, zu verkaufen. Er hielt das wohl für eine clevere Idee, weil er so einen Shop sonst noch nirgendwo gesehen hatte. Auch in seinem Geschäftslokal hatten bisher alle Schiffbruch erlitten. In dem Jahr, in dem der Laden geöffnet war, haben weder A. noch ich auch nur einen Kunden hineingehen gesehen. Irgendwann war die Hütte zu. Eine Woche später war sie zu vermieten.

Was der verhinderte Schmuckschatullenhändler jetzt mache, erzählte mir einer aus dem Nachbarhaus neulich an der Supermarktkassa, wisse er nicht. Aber knapp bevor er zugesperrt habe, habe er gesagt, er wolle es als Wirt versuchen. Er habe einen Tipp bekommen. Ganz in der Nähe gäbe es ein Lokal. Das sei eine Goldgrube. Oder müsste eine sein. Wenn man die Sache richtig angehe und den richtigen Zauberspruch kenne, die Hütte zum Brummen zu bringen. Kurze Zeit später habe er seinen Schatullenladen geschlossen – und das La Luna heißt jetzt Ali Baba. Für ein paar Wochen.

Nachlese

--> Flashmobs
--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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