Finanzstreit um Sahara-Geiseln

21. August 2003, 13:00
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Ankunft in Deutschland in der Nacht auf Mittwoch – die Befreiung sollen sie teils selbst bezahlen

Bamako/Berlin – Noch bevor die 14 aus der Gewalt ihrer Entführer befreiten Touristen (neun Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer) ihren Heimflug aus Mali antreten konnten, stellten ihnen Deutschlands Politiker eine bittere Folge ihres sechsmonatigen Martyriums in Aussicht: Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), sagte: "Wer sich leichtfertig und um des Nervenkitzels willen in Gefahr bringt, muss auch damit rechnen, dass er an den Kosten für die Rettung beteiligt wird." Auch der außenpolitische Sprecher der SPD, Gert Weisskirchen, sprach sich für eine finanzielle Beteiligung der Sahara-Touristen an den Kosten aus.

"Herzlose Debatte"

Dagegen wies der innenpolitische Sprecher der SPD, Dieter Wiefelspütz, die Forderungen zurück. "Diese Debatte ist abwegig und herzlos." Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte dazu, dies sei nicht der Tag für solche Erörterungen.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Ludger Volmer, nannte die Diskussion "völlig überflüssig". Im Paragraf 5 des Konsulargesetz sei das geregelt: "Der Empfänger (der Hilfsleistungen) ist zum Ersatz der Auslagen verpflichtet." Eine Kostenbeteiligung nach der Befreiung aus Geiselhaft hatte es unter anderem vor drei Jahren gegeben. Damals wurden der auf den Philippinen verschleppten Familie Wallert 6500 Euro für Rückflug und Versorgungskosten berechnet.

Verzögerungen

Inzwischen wurde bekannt, dass es bei der Beförderung der Befreiten zu weiteren Verzögerungen kam. Demnach sollen die 14 Befreiten voraussichtlich erst in der Nacht zum Mittwoch – frühestens um 22.30 Uhr MESZ – nach Deutschland zurückkehren. Transportprobleme (unter anderem der Triebwerksdefekt eines deutschen Militärflugzeugs) hatten die Verzögerungen verursacht.

Unbestätigten Medienberichten zufolge wurde ein Lösegeld von 4,6 Millionen Euro gezahlt. Die libysche Gaddafi-Stiftung, die vor drei Jahren an der Beendigung einer Geiselnahme auf den Philippinen beteiligt war, spielte laut eigenen Angaben auch dieses Mal eine wichtige Rolle. Das Lösegeld wurde angeblich von der malischen Regierung gezahlt. Es soll später als deutsche Entwicklungshilfe zurückfließen. Die deutsche Regierung hat dies nicht bestätigt.

Unklarheit herrscht auch über die Identität der Geiselnehmer. Die Entführer sollen der radikal-islamischen Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) angehören. Das wird aber unter anderem von der französischen Zeitung Libération bezweifelt.

Das Blatt zitierte einen anonymen Vertrauten des Vermittlers Iyad Ag Agaly, bei den Geiselnehmern handle es sich um kriminelle Schmuggler. Die algerische Führung habe ein politisches Interesse daran, die Täter als Islamisten und Terroristen darzustellen.

Gerüchte

Im Zusammenhang mit all diesen unbestätigten Vermutungen um Identitäten, Lösegeldsummen und das Verhalten der Regierungen ranken sich auch skurrile Gerüchte. Zum Beispiel jenes zur Befreiung der österreichischen Geiseln am 13. Mai. Damals habe die österreichische Regierung nur deshalb massiven Einsatz gezeigt, weil zu den Geiseln ein guter Freund von Bundeskanzler Schüssel gehörte.

Und, noch skurriler anmutend: Am Tag vor der Befreiung war die auf 50 Millionen Euro geschätzte Saliera in Wien geraubt worden. Das lege die Vermutung nahe, das Cellini-Kunstwerk sei den Entführern als "leicht transportables" Lösegeld überbracht worden. (dpa, red/DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2003)

Deutsches Bundeskriminalamt veröffentlicht Namen der Geiseln – Es handelt sich um neun Deutsche, vier Schweizer und einen Niederländer

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