No Softness, das Leben ist hart

20. August 2003, 15:46
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Das so genannte „Softopening“ greift in der Restaurantszene immer weiter um sich. Soll heißen: bitte noch nicht urteilen, aber bitte schon voll bezahlen

Unlängst verriet ein Kollege eines der letzten großen Geheimnisse der Gastronomiekritik: Nämlich dass Kritiker oft schon in den ersten Tagen nach der Eröffnung eines Restaurants hingehen – um vor der Konkurrenz dran zu sein, wie er meinte. Hm, na vielleicht, da kann man sich ja die unterschiedlichsten Motivationen für solch ein Verhalten vorstellen, allerdings beantwortet es nicht die Frage: Wann ist der beste Zeitpunkt, um ein Restaurant zu beurteilen.

Folgendes ist nämlich zu bedenken: Natürlich sind die Abläufe am Anfang noch nicht ganz rund, hapert es noch hie und da. Aber dafür sind die Leute noch frisch und munter, Köche haben noch Ideen und Enthusiasmus, sind noch nicht abgestumpft von der Einsilbigkeit des Rucola-mit-Grana-und-gebratenen-Hühnerbruststreifen-Alltags. Abgesehen davon, dass es halt auch so etwas wie einen „Newswert“ gibt, hab ich zumindest einmal gelernt, dass ein neues Restaurant für die Kritik natürlich eher dann interessant ist, wenn es neu ist, und nicht nach zwei, drei Monaten, wenn man sich vielleicht eingeschliffen hat. Im Theater beurteilt man ein Stück schließlich auch eher anlässlich der Premiere und nicht dann, wenn schon alle auswendig mitsprechen können. Aber das kommt natürlich auch darauf an, was man an einem neuen Lokal kritisieren will: Konzept, Anmutung, Harmonie zwischen Design, Küche und Performance, oder lieber doch die Tatsache, dass der Kellner das Glas Wein von der falschen Seite hingestellt hat und ob in der Suppe ein bisschen zu viel Salz war. Für I-Tipferlreiter zahlt es sich zweifellos aus, nicht gleich am Anfang hinzugehen.

Übertreiben kann man’s natürlich auch: Das Wochenend-Magazin einer Tageszeitung etwa schafft es regelmäßig, schon detailgenau über ein Restaurant urteilen zu können, dessen Eröffnung dann aber zum Beispiel wegen technischer Troubles um ein paar Wochen verschoben werden musste. Seherische Kräfte gut und schön, ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass man schon mal ein Vorab-Interview mit dem Koch macht und sich erzählen lässt, was er so vor hat (habe beim monatlich erscheinenden Trend oft gar keine andere Chance, sonst erscheint die Kritik erst dann, wenn die Hütte längst wieder zu ist), aber das Essen, das Service, die Hundefreundlichkeit und den Extrabonus hellseherisch zu vergeben, ist schon etwas eigenartig.

Gault Millau hat da einen ganz gangbaren Weg gefunden, würde ich sagen: Restaurants, die nach Redaktionsschluss eröffneten, stehen ohne Wertung und mit einem kurzen, prospektiven Text drin. Das ist sicher besser, als wenn sie eineinhalb Jahre gar nicht drin stehen und einem die mitunter aktuellsten Restaurants so verschwiegen würden. Die Zeit wurde schneller, nichts dauert ewig, die Halbwertszeiten in der Gastronomie haben sich extrem verkürzt. Besonders kurios sind aber die so genannten „Softopenings“, bei denen einfach mal aufgemacht wird, man auf Fehler erst draufkommen will, indem man sie begeht, man mal so draufloskocht, und schaut, wie es den Leuten taugt. Kritik darf dann natürlich noch nicht geübt werden, weil he, das ist ja unfair, ist ja erst Softopening. Nett, aber zahlen darf man dafür schon volle Wäsche, oder was? Softopening gut und schön, aber wenn ich als Versuchskaninchen herhalten muss, will ich bitte auch nichts bezahlen müssen. Ich finde, dass man sich’s als professionelles Unternehmen leisten können muss, vorher zu üben, und erst dann mit seinem Produkt an die Öffentlichkeit zu gehen. Die zweite Chance, dass man sich ein paar Wochen oder Monate später davon überzeugt, ob’s leicht schon besser geworden ist, wird heute nämlich keinem einzigen Wirt mehr gegeben, nicht vom Gast und daher auch nicht von der Kritik.

Von Florian Holzer
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