Thalheimer stellte sich dem Publikum

19. August 2003, 00:31
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Nach der umstrittenen Aufführung von Woyzeck erläuterte der Regisseur sein Konzept: "Gewaltpotenzial in Büchners Figur" interessiert ihn

Salzburg - "Als wertkonservativ, moralisch und zugleich revolutionär" wurde der junge deutsche Regisseur Michael Thalheimer vom Leiter des Schauspiels, Jürgen Flimm, bei einer Diskussion am Montagnachmittag im Salzburger Schüttkasten bezeichnet. Bei dieser Veranstaltung des Vereins der Freunde der Salzburger Festspiele erläuterte der Regisseur sein Konzept der bei Kritik und Publikum extrem umstrittenen Woyzeck-Aufführung am Samstag bei den Salzburger Festspielen.

"Gewaltpotenzial in Büchners Figur des Woyzeck"

"Der soziale Aspekt ist mir zu wenig. Ich interessiere mich für das Gewaltpotenzial in Büchners Figur des Woyzeck. Ich sehe auch die Weltliteratur aus dem Blick meiner Generation, der der Glaube an Religion, Ehe, Staat, Treue und Solidarität verloren gegangen ist. Sehen Sie, wir haben keine Feindbilder mehr, daher interessiert mich die zeitlose Reibung der klassischen Literatur an der Gegenwart." Warum er dann nicht zeitgenössische Autoren inszeniere - auf diese Frage antwortete Thalheimer so: "Es ist gut, dass es viele gute neue Autoren gibt, aber vieles ist mir halt doch zu banal; mich interessieren die großen Weltbilder."

Flimm: Leute wundern, dass es ihnen den Atem raubt"

Schauspielleiter Flimm meinte, viele Leute wollten "im Theater nur sehen, was sie zuletzt gesehen haben. Aber das gibt es nicht. Diese Leute gehen mit einem Rucksack der Erwartungen ins Theater und wundern sich, dass es ihnen den Atem raubt. Das Theater hat Vorrang vor der Literatur."

Dennoch warfen Teile des Publikums dem Regisseur vor, Etikettenschwindel zu betreiben. Obwohl nur 20 Prozent des Büchner-Textres gestrichen und keine Texte hinzugedichtet wurden, legte Thalheimer Wert auf die Feststellung, dass seine Inszenierung genau so der Idee Büchners entspreche wie viele andere, vertrautere Inszenierungen. Flimm ergänzte: "Vergessen wir nicht, Büchner war Terrorist, der im Untergrund an der Revolution gearbeitet hat und - so wie Lenin - fliehen musste." (APA)

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