Kommentar: Unter der Decke

18. August 2003, 19:51
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Von Peter Mayr

Böse Zungen würden sagen: typisch katholisch. Kaum kommt die römisch-katholische Kirche in Schwierigkeiten, reagiert sie nach demselben Muster: Es wird gemauert, das Problem heruntergespielt. Dieses Mal sorgt das Dokument "Crimen Sollicitationis" des Vatikan aus dem Jahre 1962 für Ärger. Es regelt in erster Linie, wie sich Bischöfe im Falle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche während der Beichte zu verhalten haben. Verordnet wird striktes Schweigen.

Und was macht die Kirche jetzt, nachdem das Papier in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist? Richtig, sie mauert und spielt es herunter. Es sei keine "Strategie der Vertuschung", sondern zum Schutz des Sakraments der Beichte gedacht, heißt es aus der Erzdiözese Wien. In keiner Weise werde angeordnet, sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Im Übrigen sei das Dokument überholt, heißt es andernorts. Tatsache ist auch: Der Weg zu einem staatlichen Gericht bleibt unbenommen.

Schaler Biergeschmack bleibt

Auch wenn alles so harmlos sein sollte - ein schaler Beigeschmack bleibt. Warum diese Geheimniskrämerei? Warum wird der Öffentlichkeit ein derart heikles Regelwerk vorenthalten? Es war absehbar, wie das Dokument aufgenommen wird. Der Verdacht, die Kirche wolle etwas vertuschen, liegt nahe. Ihn im Nachhinein zu entkräften, ist schwierig.

Die Kirche scheint aus Fehlern der Vergangenheit nichts zu lernen. Transparenz ist nach wie vor ein Fremdwort - vor allem offensichtlich auch dann, wenn es um Problemfragen geht. Was sexuellen Missbrauch betrifft, steht die Kirche seit langem im Kreuzfeuer der Kritik. In der US-Kirche haben in den vergangenen Jahren Hunderte angebliche Missbrauchsopfer die Kirche geklagt. In Österreich ist die Affäre um Kardinal Hans Hermann Groër nicht vergessen, bescherte sie doch der katholischen Kirche Österreichs die wohl schwerste Krise seit 1945. Groër hat übrigens bis zu seinem Tod geschwiegen, eisern. (Peter Mayr/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2003)

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