Eine Kriegserklärung an die USA

26. August 2003, 18:01
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Al-Kaida ist im Irak: Anders als Washington dachte, bewahrheitet sich ein Kriegsgrund - Ein Kommentar von Markus Bernath

Jetzt haben wir sozusagen amtlich, was uns die US-Regierung schon immer glauben machen wollte: Die Al-Kaida ist im Irak aktiv. "Die jungen Männer des Heiligen Krieges haben zu kämpfen begonnen", heißt es in der Botschaft des Al-Kaida-Sprechers al-Najdi an die Welt. Der Terrorfürst Bin Laden und der verrückte Diktator in Bagdad mit der Atombombe steckten also doch schon irgendwie unter einer Decke.

Verhaltensforscher nennen das eine "self-fulfilling prophecy": Man glaubt ganz stark an etwas, tut so, als ob es Wirklichkeit wäre, und am Schluss tritt die Erwartung auch ein, weil sich auch andere plötzlich danach richten. Ob man gut beraten ist, mit solchen Selbstbespiegelungen Politik zu treiben oder gar einen Krieg loszutreten, steht auf einem anderen Blatt.

Die angeblichen Verbindungen des Regimes von Saddam Hussein zum Terrornetzwerk Al-Kaida waren - nicht nur aus heutiger Sicht - das schwächste Glied in der Kette angeblicher Beweise, mit denen die USA und Großbritannien ihren Feldzug gegen den Irak zu begründen versuchten. Der amerikanische Außenminister Colin Powell soll vor seinem denkwürdigen Auftritt im UN-Sicherheitsrat im vergangenen Februar ganze Passagen aus den Handreichungen der Geheimdienste gestrichen haben, weil ihm die Belege für das Duo infernale "Saddam und Bin Laden" zu dünn erschienen.

Vorgetragen hat Powell immerhin noch die Geschichte von Abu Mussab Zarqawi, einem einbeinigen Al-Kaida-Funktionär, der im Nordirak der Kurden - also außerhalb des Machtbereichs von Saddam Hussein - ein Ausbildungslager für Terroristen betrieben haben soll. Das Lager wurde bei amerikanischen Bombenangriffen dem Boden gleichgemacht; von den angeblichen Giftproduktionsstätten dort war keine Spur zu finden. Mehr noch: Die zwei höchstrangigen Al-Kaida-Führer in US-Gefangenschaft, Abu Zubaydah und Khaild Sheikh Mohammed, sollen ausgesagt haben, dass Bin Laden ausdrücklich gegen eine Kooperation mit dem weltlichen Saddam entschieden hatte - als "abtrünniges Regime" soll der Extremistenführer den irakischen Staat bezeichnet haben.

Es ist müßig zu streiten, ob die amerikanische und die britische Regierung die Präsenz der Al-Kaida im Irak durch ihren Krieg erst herbeigeführt haben oder ob sich die Zweckehe zwischen Terrorismus und Schurkenstaat irgendwann unweigerlich ergeben hätte. Es ist nicht müßig zu streiten, ob der Irakkrieg mit stichhaltigen Argumenten gegenüber der Weltöffentlichkeit begründet wurde.

Bin Ladens Terrororganisation ist jetzt ganz offensichtlich im Land aktiv, und ihre Führer unterscheiden klar zwischen dem gestürzten Regime des Saddam Hussein und der heutigen Besatzung durch amerikanische und britische Truppen: "Sie fielen in das Land ein - und niemand konnte sie aufhalten, den Irak zu besetzen", heißt es in der fanatischen Botschaft des Al-Kaida-Sprechers al-Najdi, "doch als die jungen Männer des Heiligen Kriegs zu kämpfen begonnen haben und das Töten sich Tag und Nacht fortsetzte, suchten sie (die Amerikaner und Briten) nach jemanden, der ihnen hilft und an ihrer Seite steht." Für die USA und ihre neuen Koalitionstruppen ist das eine verheerende Botschaft - nichts anderes als eine Kriegserklärung.

Kaum mehr als vier Monate nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein stehen die USA im Irak deshalb in einer neuen Kriegsphase. Der Bombenanschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad Mitte August dürfte der Auftakt gewesen sein für einen Generalangriff auf "weiche", wenig gesicherte, nicht militärische Ziele in der irakischen Bevölkerung. Die systematische Sabotage des Wiederaufbaus gehört dazu. Die Herausforderung für die Amerikaner ist enorm: Anders als in Afghanistan geht es nicht um die Zerstörung logistischer Einrichtungen der Al-Kaida durch bloße Militärkraft. Auch reicht es nun nicht mehr, die "Herzen und Köpfe" der Iraker zu gewinnen.(DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2003)

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