Strom-Crash auch in Europa möglich

24. August 2003, 20:50
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Verbund warnt: Europa ist nicht vor einem Total-Blackout gefeit - Der Ausfall nur einer Leitung könnte ganz Europa in Dunkelheit hüllen

Wien - "Kein europäischer Netzbetreiber kann behaupten, dass so etwas wie in den USA in Europa so nicht passieren kann. Jeder kann nur beten und hoffen", sagt Heinz Kaupa, der Vorstand der Verbund-Netztochter Austrian Power Grid. So hätte vor einigen Wochen der Ausfall einer Leitungsverbindung von Tschechien über Ungarn und Slowenien nach Italien in Mitteleuropa die Lichter ausgehen lassen, wäre er im Winter passiert.

Schieflage

Weil aber der Verbrauch im Sommer grundsätzlich geringer ist als in der kalten Jahreszeit, habe der Verbund die zusätzlichen Strommengen gerade noch verdauen können. In Europa gebe es eine elektronische Schieflage, wobei der Strom in Richtung Südeuropa fließt, primär nach Italien, sagen Experten. Grund: Im südlichen Nachbarland seien die Hochspannungsnetze ziemlich brustschwach, dazu kämen fehlende Erzeugungskapazitäten. Italien musste daher im vorigen Jahr rund 50 Mrd. Kilowattstunden importieren, das entspricht einem Fünftel der italienischen Erzeugung, heißt es beim deutschen Verband der Elektrizitätswirtschaft.

Sorgen vor einem Zusammenbruch der Stromversorgung macht sich auch der Dachverband der europäischen Netzbetreiber (UCTE). Er malt folgendes Horrorszenario: In Italien fallen ein bis zwei kleinere Leitungen aus, in der Folge können die Franzosen nicht mehr nach Italien liefern. Dann gibt es in Frankreich eine massiven Erzeugungsüberschuss, der vom europäischen Verbundnetz nicht aufgenommen werden kann. "Dann kommt es zu einem kaskadenartigen Ausfall und einem durchgängigen Blackout in ganz Westeuropa", so Kaupa zum STANDARD. In Osteuropa, wo plötzlich ein Energiemangel entstünde, käme es regional zum Zusammenbruch der Stromversorgung.

Wasser auf die Mühlen

Die Sorgen des Verbunds, dass die mangelnden Stromleitungskapazitäten zwischen Nord- und Südeuropa in ganz Europa die Lichter ausgehen lassen könnten, sind aber nicht ganz uneigennützig. Der Crash in den USA ist Wasser auf die Mühlen der Verbund-Bosse, dass der innerösterreichische 380-Kilovolt-Hochspannungsring so rasch wie möglich gebaut werden müsse. Sonst könnten Stromausfälle in der Steiermark, besonders im Großraum Graz, zum Alltag werden, weil der Verbrauch deutlich steigt und es zu wenig Leitungen gibt.

Neben einem deutlichen Zuwachs des Stromverbrauchs durch das heiße Wetter in Europa verschärft die Wärme das Netzproblem. "Die Leitungen sind so heiß, dass wir nicht so viel drüberschicken können wie im Winter, wenn die Kälte als zusätzliches Kühlmittel dient", sagt der Verbund-Netz-Vorstand.

Keine besseren Standards

Dass die Versorgungssicherheit in Europa dank besserer technischer Standards höher ist als in den USA und daher flächendeckende Ausfälle kaum wahrscheinlich sind, lässt Kaupa nicht gelten. "Auch unsere Nord-Süd-Leitungen sind in der Nachkriegszeit gebaut worden."

Österreichs Stromregulator Walter Boltz kann sich einen europaweiten Blackout nicht vorstellen. Durch das engmaschigere Leitungsgeflecht und die höheren Reservekapazitäten sei nahezu ausgeschlossen, dass lokale Ausfälle ganz Europa in Finsternis hüllen könnten. Laut Boltz wurde das Blackout in den USA durch ein Versagen der Sicherungen verursacht. Normalerweise wird ein Gebiet, wo die Spannung abfällt, vom übrigen Netz abgetrennt. Diese Automatik habe aber beim Crash am vorigen Donnerstag versagt. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD Print-Ausgabe, 19.9.2003)

  • Auch Europa drohen finstere Zeiten.
    montage: derstandard.at

    Auch Europa drohen finstere Zeiten.

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