Die Krankheit zum Leben

19. August 2003, 00:36
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Elfriede Jelineks Todestrilogie "Macht nichts" auf der Perner-Insel: ein Kraftakt des Theaters gegenüber der sperrigen Vorlage

Die Zürcher Uraufführungsinszenierung von Elfriede Jelineks Todestrilogie "Macht nichts" übersiedelte im Auftrag der Festspiele auf die Perner-Insel: ein Kraftakt des Theaters gegenüber der sperrigen Vorlage.


Hallein – Elias Canetti führte – als eingeschworener Todfeind des Todes – eine Art Bezichtigungskampagne gegen den Skandal menschlicher Zeitlichkeit. Mit der absehbaren Erkenntnis, dass die Toten niemals aufhören, uns Weiterlebende zu belästigen: Sie erweitern ihre Ansprüche, schmarotzen auf unsere Kosten, nisten fort im Reich der Bedeutungen.

Es hat eines Theaterstücks wie der Trilogie Macht nichts von Elfriede Jelinek bedurft, um das Schreckensregiment der Toten auf die geschützte Wohnzelle auszudehnen: im Halleiner Ambiente ein Familiengefängnis mit offener Fensterfront, gebaut von der Bühnenbildnerin Anna Viebrock, aufgebockt auf die Rundpfeiler eines kaum dämmerungshellen Kellergeschoßes, durch dessen Düsternis ein Jäger mit Knurrhahnfeder am Hut (Ludwig Boettger) anonym vorüberschreitet.

Lauern und Abpassen gehören hier zum dramaturgischen Handwerkszeug. Der Weidmann bringt mit seinem untergründigen Vorüberwehen die Lüster zum Schaukeln, die Seelen zum Auslaufen, die Leiber zum Schmelzen. Papa in der Schmuddeljacke (André Jung als "Wanderer") klettert sodann stumm auf die Tafel, um die unsichtbar kaputtgehauchte Glühbirne zu wechseln.

Der Jäger ist aber auch ein Gott Hades, auf dessen Erscheinen sich wie auf Befehl der Vorhang bauscht, "Schneewittchen" (Sylvana Krappatsch) sich aber in Umarmungsträumen räkelt. Der Tod als Erlöser für alle zum schuldhaften Weiterleben Verdammten – hierin stellt Jelinek ihren Canetti vom Kopf auf die Füße.

Regisseur Jossi Wieler, dessen auch schon wieder zwei Jahre alte, wunderbar poetische Zürcher Uraufführungsinszenierung von Jelineks Macht nichts im Auftrag der Festspiele verspätet auf die Perner-Insel übersiedelte, sammelt die Jelinek-Figuren engelsgeduldig ein.

Die Stimme "Wessely"

Packt sie bei ihren grundverdrehten Redensartlichkeiten. Und erschafft für sie, was alle vier – die "Erlkönigin" als Paula-Wessely-Stimme, das schöne Schneewittchen und sein es ermordender Jäger, der "Wanderer" als Hommage an Jelineks verdämmernden Vater – so schmerzlich papieren entbehren: ein Paradies der geronnenen Zeit, das ebenso gut die Hölle sein könnte.

Ein Oberstübchen. Ein tapeziertes Zuhause. Einen Grund, um überhaupt, zwei traumähnliche Stunden lang, auf dieser schlechten, schuldbeladenen Welt zu sein.

Das Weiterleben ist nicht nur im Lichte des Holocaust ein Skandal. Aber selten war es so schmerzlindernd vertraut, so gemütswohnlich und eben nachvollziehbar wie in Wielers liebenswürdiger Elegie für vier Untote.

Worauf der Gesangsschauspieler Graham F. Valentine, als kunstseidenes Mädchen eine Art Hommage an Paula Wessely, sein schmales, mokantes Haupt durch die Vorhänge hindurchschiebt: Jelineks Sterbenswörtchen wohl abschmeckt, an ihnen süß-harmonisch herumraspelt wie an obszönem Süßholz. Das Dramolett "Erlkönigin": Sinnmusik über das Weiterlebenmüssen einer überlebensgroßen Schauspielerinneninstitution, die sich auch in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt hat.

"Der Tod und das Mädchen": Schneewittchen wird vom Jäger in der Tiefgarage auf den Mund geküsst. Endlich tot. Zum Schluss ein bewegendes Abschiednehmen. Der ^allein gelassene "Wanderer" (Jung) wirft das gute Festtagsgeschirr aus der Familienetage. Trägt einen verdutzten Ausdruck wie eine Müdig 4. Spalte keitsmaske im Gesicht. Erfindet sich in der Familienhölle, in der man Angehörige in den Kasten wegräumt, während Totenstimmen aus dem Plattenspieler kriechen, eine Autobiografie als benommener, rastloser Bergwanderer.

Er seilt sich ab aus dem ersten Stock, nachdem er die Familienwäsche in Streifen geschnitten hat. Endlich frei, geflüchtet vor Jelineks fixen Ideen. Ob das eine gerundete Geschichte ergibt? Selten kam ein Regisseur von Elfriede Jelineks konsequenten Verweigerungen gegenüber dem Theater diesem Ziel derart nahe. Ein schöner, sperriger Traum. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2003)

Von Ronald Pohl
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    Foto von der Uraufführung des Stücks in Zürich.

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