"Effekthascherei" oder "Geniestreich"

18. August 2003, 13:13
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"Woyzeck" scheidet die Geister - Pressestimmen zu Thalheimers Inszenierung

Wien/Salzburg - "Billige Effekthascherei" oder "inszenatorischer Geniestreich"? Von Verwirrung bis zu Verärgerung reichten die Reaktionen der deutschsprachigen Kritik auf Michael Thalheimers "Woyzeck"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen, aber auch respektvolle Anerkennung der neuen Lesart des alten Dramas klang durch. "Die Untat des Festspiel-Sommers: Rufmord an Woyzeck," sah die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "eine spektakuläre, parteiische, anrührende, brutale, jedenfalls aber in höchstem Mass diskussionswürdige Aufführung" die "Neue Zürcher Zeitung". Contra und pro, eine Zusammenstellung.

"Woyzeck - bei Georg Büchner ein Einzelmörder (an Marie; sie hat was mit dem Tambourmajor). Real. Aus Verzweiflung. Demütigung. Es geht um alles. Hier jetzt: ein Massenmörder mit Regie-Rübe. Irreal. Es geht um nichts mehr." Allen voran wetterte die "F.A.Z." gegen Thalheimers neusten Regiestreich und wünschte sich "ja nur meinen Büchner zurück."

Der "Financial Times Deutschland" mangelte es an echtem Gefühl, "alle Figuren scheinen unter einer Art Gefrierbrand zu leiden" und man ärgerte sich über den Eingriff des "deutungswütigen Regisseurs: Woyzeck als Serienkiller."

An die Pradler Ritterspiele erinnerte das in Strömen vergossene Theaterblut die "Salzburger Nachrichten", Büchners "Woyzeck" ist für sie allerdings nicht das geeignete Objekt um zu demonstrieren, dass es "Amokläufer gibt, und die Versuche scheitern, dieses Phänomen zu erklären."

Nicht mehr als "billige Effekthascherei" war das "plumpe Schlachtfeld aus blutüberströmten Protagonisten, beschmierten Wänden und (urinbefleckten) Böden" für die "Wiener Zeitung". Die Schuldzuweisung auch hier eindeutig: Thalheimer sei sichtlich am Text gescheitert und habe so einen ganzen Theaterabend zu Fall gebracht.

"Einen zweifellos interessanten Ansatz, der aber auf halbem Wege stecken bleibt," konstatierte die "Kleine Zeitung". Und: "Langeweile".

Versöhnlicher dagegen der "Kurier", wo man "zwar nicht die Entrüstung des Publikums ("Ich will mein Geld zurück!", "Scheisse!") teilen kann, wohl aber die Verwirrung."

Verwundert waren auch die "Oberösterreichischen Nachrichten": "Respekt vor der konsequent-radikalen Bühnensprache des Regisseurs, vor seinem wackeren Versuch, von gewohnten Sehweisen zu abstrahieren. Verwunderung freilich auch darüber, dass bei aller Neudeuterei nicht wirklich eine neue, tragfähige Botschaft herübergekommen ist."

"Thalheimers Lesart ist, Büchner interpretierend, zweideutig; und zwiespältig sind die Empfindungen, die sie auslöst. Sie gibt zu denken." Und genau das gefällt der "Neuen Zürcher Zeitung": "Thalheimers Arbeit beleuchtet, schlaglichtartig, nur einen Teil des "Woyzeck", diesen aber intelligent und hochelegant. Wer nun freilich behaupten wollte, die Regie ermorde das Stück, hat nicht aufgepasst: Es zittert und bebt vor lauter Lebendigkeit."

Auch  "DER STANDARD"zeigte sich begeistert ("Ein inszenatorischer Geniestreich") und "Die Presse" empfiehlt "mehrmaligen Besuch." Die "Neue Kronen-Zeitung" fand es einfach "Schlau."

In der Kritik der "Süddeutschen Zeitung" an "Thalheimers konsequentem Konzepttheater" überwiegen die positiven Töne, allerdings keine Jubelrufe. "Woyzeck und wie er die Welt sah", der "kalt exerzierte Amoklauf eines Existentialisten" hinterließ dort das "Gefühl eines schmerzhaften Verlustes, den man aus Thalheimers Inszenierung mit nach Hause nimmt. Wie eine Wunde." (APA)

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