"Grundlagenforschung in Österreich massiv bedroht"

21. August 2003, 13:26
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Der Wissenschaftsfonds FWF hat mehr Förderanträge denn je in seinen Büchern stehen, leidet aber unter akuter Geldnot + Kommentar

Wien - Österreichischen Labors droht ein Aderlass an jungen Wissenschaftern. Immer mehr Forscher könnten sich gezwungen sehen, im Ausland eine Beschäftigung zu suchen oder in die Industrie zu wechseln. Für renommierte Vertreter der österreichischen Wissenschaftsgemeinde wie den Wiener Hirnforscher Sigismund Huck liegt die Ursache dafür klar auf der Hand: "Es ist der chronische Geldmangel, der die Grundlagenforschung in Österreich massiv bedroht."

Enttäuschte Erwartung

Dabei sei noch vor nicht langer Zeit "eine Art Aufbruchstimmung" zu beobachten gewesen. Gerade junge Wissenschafter hätten sich Hoffnung auf anhaltenden Rückenwind gemacht, nachdem die Regierung im Jahr 2000 mit einem sieben Mrd. S (510 Mio. Euro) schweren Offensivprogramm zur Ankurbelung von Forschung und Entwicklung herausgerückt ist. "Die Erwartungen sind enttäuscht worden", so Huck zum STANDARD.

Bei der Sitzung des FWF-Kuratoriums am 23. und 24. Juni dieses Jahres wurden keine Forschungsprojekte und keine Druckkostenbeiträge bewilligt; alle prinzipiell positiv beurteilten Anträge wurden auf eine "Warteliste" gestellt. Erst wenn es Klarheit über die tatsächliche Budgetsituation des Fonds gebe, könne in einer weiteren Beurteilungsrunde über die Freigabe der Mittel entschieden werden, hieß es.

Tatsächlich hat der FWF bereits im Vorjahr erstmals seit vielen Jahren eine Kürzung seines Gesamtbudgets (siehe Grafik) hinnehmen müssen. Heuer ist zwar das Grundbudget etwas aufgestockt worden (siehe Wissen), wegen Ausfalls von Sondermitteln hat der Fonds unterm Strich aber 16,2 Mio. Euro weniger zur Verfügung als im Jahr 2002.

Hoffen auf Herbst

"Wir haben auch heuer mit Sondermitteln gerechnet und entsprechend budgetiert", sagte FWF-Präsident Georg Wick. "Dass wir nun diese Sondermittel nicht haben, ist ein gewaltiges Problem, weil wir die einzige Organisation in Österreich sind, die Grundlagenforschung in großem Maßstab finanziert." Wick hofft, dass das Finanzloch noch gestopft werden kann. Im September soll es einen runden Tisch dazu geben.

Im ersten Halbjahr 2003 sind beim FWF 481 Projektanträge eingegangen gegenüber 401 in den ersten sechs Monaten 2002 - ein Plus von 20 Prozent. Noch stärker ist im Berichtszeitraum das beantragte Fördervolumen gestiegen, und zwar von 81,4 Mio. Euro auf 104,4 Mio. Euro - ein Plus von 28 Prozent. Huck, stellvertretender Leiter des Instituts für Hirnforschung der Uni Wien, erklärt sich das Anschwellen der Förderanträge und -volumina nicht zuletzt mit der prekären Finanzsituation der Universitäten. "Wegen fehlenden Geldes können zum Teil Stellen nicht nachbesetzt werden, was die Unis dazu zwingt, verstärkt Fremdmittel zu akquirieren."

Der vielfach geforderten Zusammenlegung des Wissenschaftsfonds mit dem Gewerbefonds (FFF) kann Huck nichts abgewinnen: "Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe." Erkenntnisse aus Projekten, die vom FWF gefördert werden, stünden allen Interessenten offen; Unternehmen hingegen hätten in der Regel wenig Interesse, ihre mit FFF-Mitteln geförderten Forschungsergebnisse einem breiteren Kreis zur Verfügung zu stellen. (Günther Strobl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 8. 2003)

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