Gefühlte Leichtigkeit und ein Gastland der Herzen

17. März 2014, 07:07
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Die Leipziger Buchmesse, die mit einem politisch ausgerichteten Programm überzeugte, ging mit einem neuen Besucherrekord zu Ende. Die Stimmung in der Branche bessert sich

Leipzig - Die Leipziger Buchmesse, so heißt es, sei ein Gradmesser für Befindlichkeit und Betriebstemperatur der Buchbranche. Sollte das stimmen, dann steht es trotz allerlei Unkenrufen nicht schlecht um die Gutenberggalaxis. Denn die Verlage, deren Klagen - Stichwort: E-Books, Selbstverlag - in den letzten Jahren vielstimmig durch die Feuilletons hallten, gaben sich in Leipzig heuer, jedenfalls was ihr analoges Hoheitsgebiet betrifft, demonstrativ optimistisch.

Gleich zu Beginn der viertägigen Buchmesse vermeldete zudem der Börsenverein des deutschen Buchhandels, dass der stationäre Buchhandel, ein notorisches Sorgenkind der Branche, 2013 wieder - geringe - Zuwächse verbuche, während der Internethandel erstmals Verluste hinnehmen musste.

Jim Knopf und Sarrazin

Zum ersten Mal, betonte Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Messe-Geschäftsführung, wurden auch alle fünf zur Verfügung stehenden Hallen des Messegeländes bespielt, das man an der Peripherie Leipzigs in die Wiese geklotzt hat. Die Vergrößerung der Buchmessen-Ausstellungsfläche um fast ein Viertel ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass man den in Leipzig traditionell stark vertretenen Manga-Comic-Verlagen eine eigene, neudeutsch "Manga Comic Convention" benannte Halle eingerichtet hat. Dort tummelten sich die zu Tausenden angereisten, wie ihre Lieblings-Comicfiguren kostümierten Cosplay-Kids. Die es sich natürlich auch nicht nehmen ließen, das gesamte Messegelände zu stürmen. So konnte man sich mit Jack dem Schlitzer, Jim Knopf und allerlei nur dem Spezialisten vertrauten Manga-Persönlichkeiten durch die Hallen treiben lassen. Vorbei an Verlagsständen und dem blauen Sofa, wo Thilo Sarrazin seine Thesen vom "Konformitätsdruck" vertrat. Reine Nervensache also. Wie jede Messe.

Ob die Leichtigkeit der Branche nur gefühlt oder real ist, bleibe einmal dahingestellt. Tatsache aber ist, dass es eine inhaltlich bemerkenswerte und interessante Messe war, die am Sonntag mit einem Besucherrekord von 175.000 Gästen endete.

Ukraine omnipräsent

Was auch mit einigen politischen Schwerpunkten, die die Messe setzte, zu tun hat. So kuratierte der österreichische Autor und Übersetzer Martin Pollack für Leipzig einen äußerst erfolgreichen "Tranzyt"-Schwerpunkt über Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus. Und wenn es neben dem gelungenen und engagierten Auftritt des Schwerpunktlandes Schweiz ein Gastland des Herzens gäbe, wäre es die Ukraine, aus der zahlreiche Autoren zu Diskussionen und Lesungen anreisten. An der Nikolaikirche, von der aus in Leipzig zu DDR-Zeiten die Montagsdemonstrationen ihren Ausgang nahmen, wehte in den Tagen vor dem Krim-Referendum die blaugelbe Flagge der Ukraine. Pollack hat den "Tranzyt"-Schwerpunkt, bei dem es sich um ein befristetes Projekt handelt, heuer zum dritten und letzten Mal kuratiert. Eine Weiterführung könnte, wie sich heuer zeigte, lohnend sein. Nicht nur literarisch.

Auch der mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnete indische Autor Pankaj Mishra sorgte für Aufsehen. Der 45-Jährige, der in London und im Norden Indiens lebt, mit einer Cousine von David Cameron verheiratet ist und für zahlreiche Medien (u. a. Guardian und New York Reviews of Books) Kolumnen und Essays schreibt, spiegelt in seinem Buch Aus den Ruinen des Empires den westlichen Blick aus den ehemaligen Kolonien zurück nach Europa.

Es sei nicht nur verblüffend, sondern entmutigend, so Mishra in seiner Dankesrede, wenn man sehe, "dass nicht nur Rechtsextreme, sondern auch viele liberale Politiker und Intellektuelle in Europa mit dem Mehrheitsnationalismus flirten." Vorher hatte Laudator Ilija Trojanow darauf verwiesen, dass im Westen auch fünfzig Jahre nach Überwindung des Kolonialismus immer noch eine gewisse eurozentristische Sichtweise vorherrsche: "Größenwahn ergibt oft Sinn, wenn man die Realitäten der Vergangenheit einbezieht", so Trojanow. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 17.3.2014)

  • Was guckst und hörst du? Ein am Cosplay-Wettbewerb teilnehmender Besucher der Leipziger Buchmesse sucht orientierung in der neuen Halle.
    foto: apa / epa / arno burgi

    Was guckst und hörst du? Ein am Cosplay-Wettbewerb teilnehmender Besucher der Leipziger Buchmesse sucht orientierung in der neuen Halle.

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