Carla Bruni im Wiener Konzerthaus: Madame 100 Volt

16. März 2014, 17:19
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Mit den Augen eines Kindes blickt sie in die Welt, mit der Stimme einer Gutenachtgeschichtenerzählerin singt sie. "Sarko" blieb zu Hause

Wien - Man hätte meinen können, sich auf einen diplomatischen Empfang verirrt zu haben. Das Foyer bevölkerten überwiegend hochdekorierte Damen und viele Herren, die aussahen, wie eine Figur, die später am Abend besungen werden sollte: Le Pingouin.

Der Anlass dieser Zusammenkunft: Carla Bruni war in der Stadt und hat im Konzerthaus zum Liederabend gebeten. Das hätte unter rein künstlerischen Aspekten betrachtet nicht sein müssen, das mit dem Konzerthaus, doch wenn man die Gattin des ehemaligen Präsidenten der Grande Nation ist, füllt man sogar den Großen Saal. Das klingt natürlich gemein, so, als verdanke sie ihre Karriere nur dem kleinen Mann. Das stimmt natürlich nicht.

Die geborene Italienerin war in den 1990ern ein weltberühmtes Model und sang schon, bevor sie "Sarko" kennengelernt hat. So betrachtet könnte man sagen, sie habe sich zu ihm hinuntergearbeitet.

Der Präsident ist Geschichte, der Mann ist ihr geblieben. Carla Bruni liebt ihn heiß, weshalb er später im Konzert das Subjekt eines Liebesliedes sein würde: Mon Raymond. Dieses Pseudonym, lässt Madame Bruni wissen, sei aus der Not seiner Berühmtheit entstanden. Auskennergelächter im Publikum, köstlich.

Führung durchs Zimmer

Mon Raymond ist eines von sehr vielen Liebesliedern. Ja, eigentlich singt die 46-Jährige nur über die Liebe. Das tut sie mit einer Stimme, die bestens geeignet ist, Geschichten zu erzählen. - Vornehmlich Gutenachtgeschichten. Bruni verfügt über ein etwas rauchiges Organ, mit dem sie ihre Chansons d'amour trotzig vorträgt oder sensibel hinhaucht. Dabei klingt sie wie ein Mädchen, das mit einfacher Poesie durch ihr Zimmer führt: Hinter dem Kasten wohnt das Monster, dort passt der Teddy auf, hier fährt der Zug durch.

So eng ihr Themenkreis ist, so klein gehalten ist die Aufführung. Zu ihrer rechten sitzt ein Pianist, der neben den schwarzen und weißen Tasten noch die elektronische Konserve und die Trompete zu bedienen weiß, zu ihrer linken sitzt mit einer sehr französisch anmutenden Kappe ein Gitarrist vor einem Buchregal. Das soll wohl Atmosphäre und Esprit suggerieren, ist aber leicht als Attrappe zu erkennen.

Macht nichts. Wen interessieren schon Bücher, die keine sind, wenn ein ehemaliges Supermodel auf der Bühne steht?

In diesem Ambiente gibt Bruni Lieder wie Charles Trenets Douce France, das programmatische L'amoureuse oder Quelqu'un m'a dit. Es sind zerbrechliche Kleinodien, hingeschnurrt wie akustische Sedative: Mme 100 Volt.

Man wollte der Darbietung gerne Charme unterstellen, wenn man nur könnte. Doch die Darbietung bleibt ohne Höhepunkte, der Charme erschöpft sich in professionelle Anspielungen auf die Schönheit Wiens.

Um das zu untermalen, intoniert sie Vienne der verstorbenen Chanteuse Barbara. Ja, und dann ist noch das Lied über den Pinguin, eine stumpfe Spitze gegen François Hollande. Bruni ist von ihrer Polemik amüsiert, der Saal klatscht diplomatisch. (Karl Fluch, DER STANDARD, 17.3.2014)

  • Carla Bruni schnurrt im Wiener Konzerthaus Lieder über ihre kleine Welt. Dazu lächelt sie lieblich, obwohl manche Lieder ein bisschen traurig sind.
    foto: standard/newald

    Carla Bruni schnurrt im Wiener Konzerthaus Lieder über ihre kleine Welt. Dazu lächelt sie lieblich, obwohl manche Lieder ein bisschen traurig sind.

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