Neues Buch: Schenkelklopfer aus dem Alten Ägypten

17. März 2014, 11:28
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Ein Bonner Ägyptologe gibt einen Einblick, worüber man in Altägypten scherzte und lachte

Bonn - Humor ist keine Erfindung der Neuzeit. Die Menschen im alten Ägypten lachten schon vor Jahrtausenden über Dinge, die wir auch heute noch komisch finden: Schadenfreude, groteske Übertreibungen und verdrehte Welten. Auf Reliefs, Papyri oder Tonscherben ist vor allem der Oberschichtenhumor überliefert. Ludwig Morenz von der Universität Bonn gibt in seinem Buch "Kleine Archäologie des ägyptischen Humors" einen Überblick. Das Werk ist vor kurzem in den Bonner Ägyptologischen Beiträgen erschienen.

Zahlreiche Belege für Humor

Von den Altägyptern sind vor allem Pyramiden, Mumien und Grabbeigaben bekannt. "Wegen des Totenkults wirkt diese Kultur auf den ersten Blick sehr ernst", so Morenz. Bereits der Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sprach von der altägyptischen Kultur als einem "wüsten Totenreich". Doch bei genauerer Betrachtung findet man auch in diesem scheinbar sehr jenseitsorientierten Reich zahlreiche Belege für Humor. Für Morenz ist das ein interessanter Forschungsansatz: "Worüber haben die Menschen in Ägypten vor etwa 5000 Jahren bis hinein in die Römerzeit gelacht? Aus den Antworten erfahren wir auch viel Alltägliches darüber, was die Menschen im Pharaonenreich bewegte."

Bei den überlieferten Belegen wird ein sehr subtiler Humor deutlich, der heutige Zeitgenossen nicht unbedingt dazu bringt, lauthals loszuprusten. Die Komik in Inschriften und Bildnissen der Reliefs, Papyri oder Tonscherben erschließt sich aber teilweise heute noch auf Anhieb. "Die Altägypter haben zum Beispiel gerne ihre Feinde verspottet", berichtet Morenz. So zeigt eine Tonscherbe einen mit erhobenen Händen vor Katze und Maus um Gnade flehenden Nubier. 

Berufsgruppenwitze

Beliebt waren auch Berufssatiren: Ein Relief aus einem Grab in Saqqara zeigt einen schlafenden Türhüter. Der Ägyptologe der Universität Bonn wertet diese Darstellung als eine Art "Shakespearesche groteske Nebenrolle", die die geordnete Welt der Grab- und Tempelbilder etwas menschlicher machen und zugleich den Sinn für das Komische bedienen sollte.

Witziges baute schon vor Jahrtausenden auf Übertreibungen: In dem Text "Lehre des Chety" wird der Schreiberberuf schwarzhumorig übersteigert, indem viele andere Berufe massiv abgewertet werden, z.B. der Töpfer: "Er wühlt sich in dem Sumpf mehr als Schweine, um seine Töpfe zu brennen. Sein Kleid ist steif von Lehm, sein Gürtel ist ein Stofffetzen."

So wenig die Schreiber an den anderen Berufen ein gutes Haar ließen, so positiv schneidet in ihren Ausführungen die eigene Zunft ab: "Wenn du dich mit dem Schreiberberuf beschäftigst, wirst du dich vor körperlicher Arbeit gerettet sehen." In der Tat waren damals viele Erwerbstätigkeiten mit großer Mühsal verbunden. "Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung konnte lesen", so Morenz. Wer diese Fertigkeit beherrschte, sah sich in einer herausgehobenen Position.

Religion kein Tabu

Etwas Vorwissen ist erforderlich, um einen "Cartoon" zu verstehen, auf dem ein Vogel auf einer Leiter und ein großes Nilpferd im Feigenbaum abgebildet sind. "Aus den Tierhieroglyphen wissen wir, dass das Nilpferd im Sinne von 'das Schwere´ verwendet wurde", erläutert Morenz. "Die Illustration zielt auf die verkehrte Welt: Der leichte Vogel erklimmt mit ausgebreiteten Schwingen mühsam die Leiter, während das schwere Nilpferd die Früchte sammelt."

Der Ägyptologe ordnet solche Darstellungen als "karnevalesk" ein. Freilich gab es damals noch keinen Karneval in der heutigen Form, doch sei bereits im alten Ägypten eine Neigung erkennbar, die Herrschaft durch karnevaleske Umkehr des Alltags in Frage zu stellen. Dazu gehören etwa musizierende Krokodile oder als Säufer dargestellte Stiere. Selbst die Religion blieb davon nicht verschont, wie als Priester und Götter verkleidete Mäuse zeigen.

Humor der Oberschicht

Morenz kommt zu dem Schluss, dass die Menschen im Altertum wahrscheinlich genauso häufig und lebhaft lachten wie heute. Die überlieferten Belege zeigen jedoch nur einen kleinen Ausschnitt; denn Witze werden meist mündlich überliefert und finden in keiner Hieroglyphe ihren Niederschlag.

"Was wir heute sehen, ist vorrangig Oberschicht-Humor", so der Forscher. Denn nur gut Betuchte hatten die Mittel, ihren Sinn für Komik in Stein zu verewigen. Vermutlich erfüllte der Humor vor Jahrtausenden bereits die gleiche Funktion wie heute: Er fungierte als "gesellschaftlicher Kitt". "Gemeinsames Lachen schafft soziale Bezüge, polstert den harten Alltag etwas ab und macht das Leben angenehmer", so Morenz. (red, derStandard.at, 16.3.2014)


Ludwig D. Morenz: Kleine Archäologie des ägyptischen Humors. Ein kulturgeschichtlicher Testschnitt.

Bonner Ägyptologische Beiträge, Band 3, EB-Verlag Dr. Brandt

Berlin 2013, 250 Seiten, ISBN: 978-3-86893-124-2, 22,80 Euro

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