Ohne Krieg und Frieden

Reportage15. März 2014, 09:00
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Die Halbinsel Krim stimmt am Sonntag über einen Anschluss an Russland ab - das Resultat steht schon fest.

Ukrainisch ist out auf der Krim. Selbst die ukrainische Küche ist derzeit wenig gefragt: "Seit zwei bis drei Wochen herrscht Flaute bei uns", bekennt Leonid, Kellner im "Knjascha Wticha", einem ukrainischen Restaurant im Zentrum Simferopols. Im April soll die Saison losgehen, doch viele Hoteliers und Restaurantbesitzer befürchten aufgrund der politisch instabilen Lage einen Einbruch bei den Besucherzahlen.

Die Gebietsregierung beschwichtigt: Der Beitritt der Krim zu Russland werde der Halbinsel Millionen neuer Touristen sichern, verspricht sie. "Der Ruhm der Kurorte auf der Krim ist in den Augen der Russen mit den Jahren noch nicht verblasst", lautet einer der Werbeslogans für das Referendum, die der von der Gebietsverwaltung kontrollierte Regionalsender "Krim" mehrmals stündlich ausstrahlt.

"Doppelstandard" als Schlagwort

Überhaupt soll mit Russland alles besser werden. Das verheißen die riesigen Reklameschilder am Straßenrand in Simferopol ebenso wie die an zahlreichen Ständen in der Stadt verteilten Agitationsbroschüren. Offiziell haben die Bürger zwei Möglichkeiten zur Auswahl beim Referendum: Sie können sich für den Übertritt zu Russland oder für den Verbleib bei der Ukraine entscheiden. Werbung für die zweite Variante ist jedoch nirgends auf der Krim zu sehen. "Es hat sich ja niemand darum beworben, so eine Werbung zu machen", sagt Premier Sergej Aksjonow lakonisch. Das sei keine Frage an ihn.

Aksjonow ist ein Mann mit dubioser Vergangenheit und einem großen Redetalent. Die Fragen der ausländischen Journalisten im Pressezentrum von Simferopol pariert der 41-Jährige elegant. Die Krim habe das Recht, selbst ihren Weg zu bestimmen, sagt er.

Der Westen habe das Recht, das nicht anzuerkennen, "aber das wäre ein dummer Schritt" - schließlich habe er selbst mit dem Kosovo einen Präzedenzfall geschaffen. "Doppelstandards" ist ein oft wiederholtes Schlagwort, wenn es um die Rechtmäßigkeit des Referendums geht. Das Vorhandensein russischer Soldaten auf der Krim und das Verschwinden ukrainischer Aktivisten - das alles lässt er an sich abprallen: Auf der Krim seien alle willkommen, solange sie sich ans Gesetz hielten, versichert er.

Freude über Referendum

Die Frauen am Tresen der Hotelbar sind begeistert. "Wir sind sehr zufrieden mit Aksjonow", sagt Lilia die etwa 50-jährige Küchenhilfe. Dank ihm werde die Krim innerhalb eines Jahres ein Teil Russlands sein. Die Ukraine habe es in über 20 Jahren nicht geschafft, der einstigen "Schwarzmeerperle" der Sowjetunion zum Glanz zu verhelfen.

Die Unzufriedenheit der Bürger mit der Zentralregierung in Kiew gärt schon lang. Geld zur Instandhaltung der Infrastruktur für Verkehr und Tourismus, geschweige denn für seine Entwicklung fehlt seit Jahren in der Staatskasse. Stattdessen quälen Korruption, Kriminalität und Behördenwillkür die Menschen. Unter Russland, so meinen sie, wird alles besser werden. Hinzu kommt die Frage der ethnischen Zugehörigkeit, viele Menschen auf der Krim haben russische Wurzeln.

"Uns hat niemand gefragt, ob wir zur Ukraine wollen, wir haben uns nie als Ukrainer, sondern immer als Krimer gefühlt", sagt Michail. Der 43-jährige Taxifahrer wurde in Simferopol geboren, doch seine Eltern stammen aus der russischen Provinz, wo er bis heute Verwandte hat. Im damaligen Leningrad sei er auf die Marineschule gegangen, erzählt er.

Gerüchte über Einmarsch ukrainischer Truppen

Dieser Hintergrund - Russe und Bezug zum Militär - ist vielen Bewohnern der Krim eigen. Um so schärfer reagierten sie auf die Revolte in Kiew und die anschließend in der Kiewer Rada beschlossene (aber durch Präsidentenveto abgelehnte) Sprachengesetz, das dem Russischen den Status einer regionalen Amtssprache entzogen hätte. Zumal die Bewohner auf der Krim dank geschickter Propaganda davon überzeugt sind, dass Kiew vorhabe, Russisch vollständig zu verbieten.

Die Mehrheit für einen Beitritt zu Russland scheint daher gewiss. Doch was danach kommt, beunruhigt trotzdem viele, denn dass Kiew den Verlust seines Territoriums nicht anerkennt, ist ihnen klar. Ganz bewusst werden auch Gerüchte über einen angeblich geplanten und bevorstehenden Einmarsch ukrainischer Truppen lanciert. "Das Wichtigste ist, dass es friedlich bleibt", sagt Michail daher fast beschwörend und setzt dabei wie die meisten auf die Stärke der russischen Truppen.

Leonid sieht die Sache gelassener: "Einen Krieg wird es nicht geben, nur wann Frieden geschlossen wird, das steht noch in den Sternen", sagt er. Solange das so bleibt, wird er wohl viel Zeit zum Philosophieren haben und wenig Trinkgeld sehen. (André Ballin aus Simferopol, DER STANDARD, 15.3.2014)

  • Ein alter Mann in Sewastopol schwingt eine russische Flagge. Viele Menschen auf der Krim haben russische Wurzeln.
    foto: ap/lubimov

    Ein alter Mann in Sewastopol schwingt eine russische Flagge. Viele Menschen auf der Krim haben russische Wurzeln.

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  • Solidaritätsaufmarsch: In Moskau wird für die Unabhängigkeit der Krim auf die Straße gegangen.
    foto: reuters/makeyeva

    Solidaritätsaufmarsch: In Moskau wird für die Unabhängigkeit der Krim auf die Straße gegangen.

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