Toto Wolff: "Lasse mich ungern in Favoritenrolle stopfen"

Interview14. März 2014, 17:58
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Red Bull startet als Titelverteidiger in die Formel-1-Saison, Mercedes bot in Melbourne die besten Vorstellungen. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff bleibt aber auf der Hut

Standard: Die Mehrheit der Kundigen sieht Mercedes seit den Tests in Bahrain als Favoriten für die heurige Saison. Sehen Sie das auch so?

Wolff: Es ist schwierig, von Favoriten zu reden, wenn die Rennsaison noch nicht begonnen hat. Wir sind ja noch keinen Rennkilometer gefahren. Ich lass mich ungern in eine Favoritenrolle stopfen. Wie heißt es so schön: To finish first you have to finish.

Standard: Das Training am Freitag in Melbourne unterstreicht doch die Favoritenrolle.

Wolff: Wir haben das schnellste Auto, sowohl in der Rennsimulation als auch auf einer Runde. Aber wir müssen auf der Hut sein. Die Sorgenfalten, was die Standfestigkeit betrifft, haben alle. Am Sonntag werden wir sehen, welchen Sprung wir gemacht haben seit den Bahrain-Tests. Ich rechne aber schon damit, dass auch die anderen einen Sprung nach vorne gemacht haben.

Standard: Wie viele Leute sind mit der Entwicklung und Produktion eines Formel-1-Autos beschäftigt?

Wolff: Bei der Motorenfabrik in Brixworth und beim Team in Brackley haben wir in Summe ungefähr 1200 Leute in England. Die sind alle in die Entwicklung des Autos und der Motoren involviert.

Standard: Wie viele Autos werden in einer Saison produziert?

Wolff: Drei Chassis. Eines ist die Reserve, falls ein Monocoque zu Bruch geht. Damit kommt man normal ganz gut durch.

Standard: Was kostet ein Auto?

Wolff: Das kann man überhaupt nicht sagen. Sicher gehen da viele Budgets hinein, aber das dann herunterzubrechen auf ein Auto, das macht man nicht.

Standard: Obwohl es gar nicht kompliziert ist, die Gehälter von 1200 Spezialisten zusammenzuzählen und die Summe durch drei zu dividieren. Da kommt ein stolzer Preis heraus.

Wolff: Aber er ist nicht aussagekräftig.

Standard: Wie viele Prozent des Autos werden quasi autonom gemacht, wie viel kommt von Zulieferern?

Wolff: 95 Prozent werden autonom hergestellt. Natürlich gibt es auch besondere Lieferanten, nicht zuletzt aus Österreich wie die Firma Pankl, die die Pleuel liefert.

Standard: Was ist der Vorteil des 1,6-Liter-Sechszylinder-Turbos gegenüber den alten 2,4-Liter-Achtzylinder-Saugern?

Wolff: Das ist eine neue Technologie, und in diese Richtung geht auch die Serie. Downsizing ist das Stichwort, kleinvolumigere Motoren mit einem Hybridanteil. In unserem Fall sind es fast 160 PS, die wir zusätzlich elektrisch generieren. Das ist die Zukunft, nicht nur im Motorsport.

Standard: Ist es denkbar, dass die Formel 1 mittelfristig den Verbrennungsmotor abschafft, oder wäre das ein Sakrileg?

Wolff: Heute gibt es keine heiligen Kühe mehr. Dieses Reglement mit dem Hybridmotor gilt aber jetzt mindestens bis 2020. Was danach kommt, weiß man nicht. Wir wissen ja auch nicht, mit welchem Antrieb wir uns generell fortbewegen werden.

Standard: Ist die Formel 1 mehr als ein Marketingvehikel? Ist von der hochkomplexen Technik tatsächlich etwas relevant für die Serie?

Wolff: Natürlich ist die Formel 1 ein Marken-Entwicklungsthema, eine Branding Exercise, wie man sagt. Im ersten Schritt machen wir die Technologie für die Formel 1, aber manches wird man in der Serie wiederfinden. So war es auch in der Vergangenheit.

Standard: Das klassische Beispiel ist die Scheibenbremse. Können Sie gegenwärtige Beispiele nennen?

Wolff: Die Dinge sind nicht einfach beim Namen zu nennen. Oft ist es auch eine Henne-Ei-Frage. Wir haben einen permanenten Austausch mit den Ingenieuren in Sindelfingen. Unlängst hatten wir ein Thema im Kühlungskreislauf, das wir nicht kannten, und sind nach Hinweisen aus Deutschland schneller vorangekommen.

Standard: Weltmeister Sebastian Vettel prophezeit, dass bei manchen Rennen die Hälfte der Autos nicht ins Ziel kommt. Wäre das im Sinne des Erfinders?

Wolff: Da bahnbrechende Technologien eingeführt wurden, kann es passieren, dass wir eine andere Formel 1 haben als in den vergangenen Jahren, als wir nahezu keine Ausfälle hatten. Die Formel 1 ist nicht nur ein Wettbewerb der besten Fahrer, sondern auch einer der besten Ingenieure. Wenn dann am Anfang eines oder mehrere Autos stehen bleiben, ist das gerade so, wie die Formel 1 sein sollte. Es hat einen Entertainment-Faktor. Es geht um fortschrittliche Entwicklung, und die kann man nicht ins Auto einbauen und gleich mit einer hundertprozentigen Standfestigkeit rechnen.

Standard: Mercedes beliefert auch McLaren, Force India und Williams mit Motoren, Pardon, Power Units. Was ist der Hauptgrund?

Wolff: Das hat zwei Gründe. Die Entwicklungsgeschwindigkeit wird erhöht, wir kommen zusammen mit den Kunden früher auf mehr Kilometer. Zudem ist es wirtschaftlich sinnvoll, dass man das Budget auf vier Teams umlegen kann. Wir haben alle genau das Gleiche. Das ist die oberste Maxime unserer Vereinbarungen.

Standard: Was halten Sie davon, dass es heuer erstmals im letzten Grand Prix doppelte Punkte gibt?

Wolff: Ich finde das nicht gut, weil es die Gesamtleistung der Saison verfälschen könnte.

Standard: Ihre Frau ist im Williams unterwegs als Testpilotin und in Freitag-Trainings. Hat sie eine Chance auf ein Renn-Cockpit?

Wolff: Das kann ich nicht sagen, das läuft nur zwischen ihr und dem Team ab.

Standard: Halten Sie noch Anteile an Williams?

Wolff: Ja. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 15./16.03.2014)

Toto Wolff (42), Ex-Autorennfahrer aus Wien, machte früher Geschäfte mit Internetplattformen. Inhaber einer Investmentfirma im Technologiebereich, verheiratet mit Susie, vormals Stoddart, lebt in der Schweiz. Seit der vergangenen Saison Sportdirektor und Anteilseigner bei Mercedes-GP.

  • Toto Wolff geht mit Mercedes in die neue Saison.
    foto: apa/techt

    Toto Wolff geht mit Mercedes in die neue Saison.

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