Über dem Gesims ein Amalgam von Einfamilienhäusern

14. März 2014, 17:16
54 Postings

Im dritten Wiener Bezirk setzten die PPAG Architekten einem klassischen Gründerzeithaus ein etwas ungewöhnliches Dach auf

Als Vogel erblickt man im dritten Bezirk so manch Ungewöhnliches, das dem menschlichen Passantenauge unten auf der Straße mitunter verborgen bleibt: zum Beispiel den Dachausbau auf dem vanillepuddinggelben Eckhaus Radetzkystraße und Matthäusgasse. Das ungewöhnliche Konstrukt, das mehr an einen Stapel Schuhkartons denn an eine klassische Aufstockung erinnert, ist das neue Zuhause einer kleinen Baugruppe von vier Haushalten, die beschlossen haben, den alten Rohdachboden aufzukaufen und sich über dem Gesims ein Wohndorf mitten in der Stadt zu errichten. Kürzlich wurde das Projekt mit dem "best architects 14 award" ausgezeichnet.

Unterschiedliche Wünsche

"Für eine Baugruppe zu planen ist weitaus schwieriger als für einen einzelnen Bauherrn, denn die Wünsche können sehr unterschiedlich sein", erklärt Anna Popelka vom planenden Büro PPAG. Den Wienern ist PPAG vor allem für die Erfindung der Enzis und Enzos ein Begriff.

So unorthodox wie die bunten Sitzmöbel im Museumsquartier ist auch die Formensprache des neuen Dachs: "All diese Wohnvorstellungen in eine konventionelle Dachhülle zu pressen schien uns erstens unmöglich und zweitens der Bauaufgabe nicht angemessen. Also haben wir uns entschieden, der Individualität freien Lauf zu lassen und ein Amalgam von Einfamilienhäusern zu entwerfen."

Vier Jahre geplant

Die Planung zog sich über viele Jahre, denn das Haus steht in der Schutzzone, und der MA 19 (Stadtgestaltung) war das vorgesehene Implantat im Gebiss der Stadt ein bisschen zu futuristisch, ein bisschen zu wenig sich dem Bestand der Stadt unterordnend. Nach vielen Besprechungen und Überzeugungsrunden kam das Go.

Der Bau selbst dauerte eineinhalb Jahre. Die kurze Bauzeit ist dem Material geschuldet, denn der gesamte Dachaufbau ist eine Leichtbaukonstruktion aus Holz. Vieles konnte im Werk vorgefertigt werden. Ein Teil der weiß verputzten Kuben wurde in der Einreichplanung als Gaupe definiert.

Vorplätze und Terrassen

"Das Projekt hat einen entscheidenden Vorteil", erklärt Popelka. "Dadurch, dass wir die Raumfunktionen individuell bearbeitet und nicht unter ein Dach gequetscht haben, wurden nur 60 Prozent des zulässigen Volumens und 77 Prozent der bebaubaren Fläche verbaut. Der Rest sind Freiflächen in Form von Vorplätzen und Terrassen." Letztendlich profitieren dadurch auch die Anrainer, denn die Verschattung liegt weit unter dem laut Bauordnung erlaubten Wert.

"Generell finde ich es etwas schade, wie das Thema Dachboden und Aufstockung in Wien gehandhabt wird", meint die Architektin. "Das Meiste erfolgt durch Anpassung, ganz unter dem Motto: ja nicht auffallen! Für uns jedoch beginnt über dem Gesims eine neue Null-Ebene über der Stadt, die es verdient, eigenständig behandelt zu werden."

Buchprojekt

Die architektonische Herangehensweise von PPAG wurde nun erstmals zwischen zwei Buchdeckel gequetscht. In Kooperation mit dem STANDARD-Mitarbeiter Maik Novotny entstand ein 530 Seiten dickes Kompendium, das im April mit dem selbstredenden Titel "PPAG. Speaking Architecture" (Ambra-Verlag) erscheint. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 15.3.2014)

Zahlen & Fakten

  • Adresse: Radetzkystraße 6, 1030 Wien
  • Auftraggeber: Baugruppe
  • Architekten: PPAG
  • Tragwerksplanung: werkraum wien
  • Grundstücksfläche: 679 m²
  • Bebaute Fläche: 526 m²
  • Nutzfläche: 396 m²
  • Planungsbeginn: 2007
  • Bauzeit: 2010 bis 2012
  • Baukosten: 1,0 Millionen Euro
  • Artikelbild
    foto: roland krauss
  • Aufstockung für eine Baugruppe: PPAG schuf ein heterogenes Ensemble, das sich vom Bestandsgebäude deutlich abhebt.
    foto: roland krauss

    Aufstockung für eine Baugruppe: PPAG schuf ein heterogenes Ensemble, das sich vom Bestandsgebäude deutlich abhebt.

  • Artikelbild
    foto: roland krauss
  • Erschlossen werden die Maisonette-Wohnungen über einen Vorplatz.
    foto: roland krauss

    Erschlossen werden die Maisonette-Wohnungen über einen Vorplatz.

  • Grundrisse und Schnitte

    Download
Share if you care.