"Für Trauer habe ich überhaupt keine Zeit gehabt"

17. März 2014, 12:01
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Beatrix M. lebt mit ihrem Sohn und ihren zwei Neffen auf 56 Quadratmetern

Graz - Letzte Woche hatte Beatrix M. Schüttelfrost und hohes Fieber. Wie viele andere Menschen auch, die am Ende des Winters einen grippalen Infekt erwischen. Doch die 58-jährige Grazerin wird von solchen Vorfällen derzeit ziemlich aus der Bahn geworfen. Existenzängste und Verzweiflung stellen sich da ein. Denn die alleinerziehende Mutter einer 27-jährigen Tochter, die schon außer Haus ist, und eines 17-jährigen Sohnes, der noch bei ihr lebt, hat vor einigen Monaten auch die Verantwortung für zwei Neffen im Alter von zehn und 14 übernommen. Ihr Bruder verstarb mit 56 völlig überraschend im Schlaf. Er lebte als alleinerziehender Vater in Kapfenberg. "Für Trauer habe ich überhaupt keine Zeit gehabt", erzählt Frau M., "ich bin da nur rein und hab die Buben geholt." Das war im September.

Gescheiterte Ehe

Seit damals wohnen M., ihr Sohn und ihre Neffen zu viert auf 56 Quadratmetern. Man hat aber Aussicht auf eine größere Wohnung der Stadt Graz. "Ohne das Jugendamt, die Caritas und das Wohnungsamt hätte ich die letzten Monate nicht überstanden", erzählte M. derStandard.at, "manchmal gehe ich ins Bad weinen, ich will nicht, dass die Kinder mich so sehen."

Die beiden Neffen hat M., die 20 Jahre als Zahntechnikerin gearbeitet hat und heute Springerin in der Kinderbetreuung in städtischen Horteinrichtungen ist, gerne bei sich. Und sie mag ihren Job. Einer ihrer Lieblingsplätze ist der Garten bei einem Hort, in dem sie auch arbeitet: "Da ist alles so schön grün rundherum."

Für ihren Sohn bekommt M. von dessen Vater keinen Unterhalt, sondern Unterhaltsvorschuss vom Staat. Die Ehe scheiterte, als M. erfuhr, dass ihr Mann bereits verheiratet war. "In seiner Heimat im Kosovo. Gebürgt habe ich trotzdem für ihn, und dafür bin ich dann exekutiert worden." Seit sie die Kinder habe, könne man ihr zumindest nicht mehr so viel Geld wegnehmen. Mit Lohn und diversen Förderungen kommt Frau M. auch gut über die Runden, denn: "Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, mit wenig Geld auszukommen." Etwa 20 Euro bleiben ihr am Tag, wenn sie alle Fixkosten beglichen hat.

Traum vom Urlaub

Was sie als Kind für einen Traum vom Leben gehabt habe? "Als Kind? Ich habe so eine schreckliche Kindheit gehabt, da hab ich nur auf andere geschaut und bin immer wieder auf der Strecke geblieben." M. erzählt von Missbrauch und Tyrannei, denen sie schon als Achtjährige ausgesetzt war. "Da war zum Träumen keine Zeit."

Jetzt schaut sie auch auf andere. Aber das tue sie gerne. Was sie sich gerne leisten würde, wenn sie unerwartet zu Geld käme? "Einen gemeinsamen Urlaub mit den Kindern", antwortet Frau M., ohne zu überlegen, "die Kinder waren noch nie in ihrem Leben auf Urlaub, mein Bruder hat sich das ja auch nicht leisten können. Er war als ehemaliger Kellner mit kaputten Füßen in Frühpension." (Colette M. Schmidt, derStandard.at, 17.3.2014)

  • Beatrix M. im Garten eines Kinderhortes, für den sie arbeitet: "Da ist alles so schön grün rundherum."
    foto: cms

    Beatrix M. im Garten eines Kinderhortes, für den sie arbeitet: "Da ist alles so schön grün rundherum."

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