"Inflation bleibt ein Kernproblem in Indien"

Interview15. März 2014, 13:55
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Investmentexpertin Sandra Crowl setzt auf die globale Erholung. In den Schwellenländern wird derzeit stark selektiert

Standard: Die Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China galten für Investoren lange Zeit als Must-have. Nun werden diese Regionen gerne als 'fragile vier' bezeichnet. Wie sehen Sie Brasilien ...

Crowl: Brasilien gehört im Moment nicht zu unserer beliebtesten Region. Die Wirtschaft hängt stark am Rohstoffexport. Mit einer sinkenden Nachfrage aus China gibt es da schon negative Effekte. Der zweite Punkt ist, dass die Verschuldung sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor hoch ist, wobei am Schuldenabbau gearbeitet wird. Die Regierung hat zudem weniger Reformen durchgesetzt als zum Beispiel in Mexiko. Dort sind die Arbeitskräfte billiger und die Wirtschaft offener. Zudem hat die dortige Regierung effektive Maßnahmen durchgesetzt, um die Produktivität zu erhöhen und die Energiekosten zu senken.

Standard: ... Russland ...

Crowl: Langfristig betrachtet ist das für uns auch kein bevorzugter Markt. Der Bereich Corporate Governance ist noch sehr ausbaufähig, sowohl bei privaten als auch bei öffentlichen Unternehmen. Wir bekommen dort nicht die Transparenz, die wir erwarten. Wir haben Russland untergewichtet und nur vereinzelt Aktien, etwa den Internetdienstleister Yandex in unserem Emerging Markets Fonds.

Standard: ... Indien ...

Crowl: Das ist ein Land, das wir in unseren globalen Aktien- und Schwellenländer-Fonds übergewichtet haben. Im Budget und bei der Verschuldung hat Indien schon einiges erreicht. Das Land hat 2013 auch von der gesunkenen Rupie profitiert, das hat die Exporte verbilligt und angekurbelt. Der neue Zentralbankgouverneur Raghuram Rajan hat einen guten Job gemacht, um den Kapitalmarkt breiter aufzustellen und klare Ansagen im Kampf gegen die Inflation gemacht. Die Inflation bleibt ein Kernproblem in Indien, vor allem bei Nahrungsmitteln. Wir hoffen, dass die bevorstehenden Wahlen eine bessere Koalition hervorbringen. Ein weiteres Problem ist die vielerorts noch fehlende Infrastruktur. Damit können viele Bauern ihre Produkte auch nicht auf den Markt bringen, was die Nahrungsmittelinflation eindämmen würde.

Standard: ... und China?

Crowl: In China sind wir schon lange aktiv. Das Land durchlebt den Wandel von einer Exportnation hin zur Stärkung des Binnenkonsums und des Dienstleistungssektors. Das bringt aber zwangsläufig ein schwächeres Wachstum mit sich. Chinas Regierung versucht, diese Verlangsamung handzuhaben. Etwa durch eine Beschränkung im Bereich Rohstoffproduktion. Auch das ausufernde Kreditwachstum wird versucht, einzudämmen. Geprüft werden etwa, wer unregulierte Finanzprodukte anbieten und verbreiten darf. An der Ostküste werden auch die Immobilienwerte überprüft. Chinas Wirtschaft lebte bisher gut von Infrastrukturprojekten und dem Wohnbau - das werden aber nicht mehr die Schlüsselelemente für das Wachstum in den nächsten Jahren sein. Es gibt einige Sektoren in China, die uns besonders interessieren: etwa die Bereiche Internet, Freizeit und Kasinos.

Standard: Die Bric-Länder sind also zu einem Ort geworden, an dem es gilt, die besten Aktien herauszupicken, und keine Region mehr, in der quer durch alle Sektoren viel zu holen ist?

Crowl: Das ist korrekt. Unter den Top Ten der besten Aktien in unseren globalen Aktien- und Schwellenländer-Fonds befinden sich jeweils zwei aus China.

Standard: Russland und die Ukraine sind wegen der politischen Turbulenzen und des Kampfes um die Krim auch im Fokus vieler Investoren. Ist es da nicht klar, dass diese aus den beiden Ländern flüchten?

Crowl: Auf der Aktienseite ist Russland sicher kein Platz für jedermann. In vielen Unternehmen fehlt die Transparenz. Sucht man gut geführte Unternehmen, die ihrerseits Investoren suchen, so ist das Feld dort nicht wirklich groß. Aus den Konflikten in der Ukraine und Russland ergeben sich aber mehrere Themen. Die Frage ist, ob das ein lokales Problem bleibt oder sich zu einem systemischen Konflikt ausweitet. Derzeit sehen wir vor allem eine diplomatische Krise, die auch viel Fingerspitzengefühl zwischen Ost und West erfordert. Die Situation muss in jedem Fall genau beobachtet werden. Im Moment glauben wir an keine große Ansteckungsgefahr für andere Länder. Wir erwarten derzeit auch keine Eskalation oder einen Bürgerkrieg. Europa hat bezüglich der Gasversorgung unserer Meinung auch nicht viel zu befürchten. Aufgrund des milden Winters braucht man keine Versorgungsengpässe fürchten. Zudem fließen nur 16 Prozent des gesamten Gasbedarfs in Europa durch die Ukraine. Dass es Probleme mit Russland gibt, glauben wir auch nicht. Russland ist vom Export abhängig, Europa ist der größte Handelspartner. Ich glaube nicht, dass das Land sein Export-Einkommen beschneiden will.

Standard: Dennoch sind viele Investoren aus Russland und der Ukraine geflüchtet - ebenso aus den Emerging Markets. Wird durch das ewige Hin und Her nicht auch viel Geld verloren?

Crowl: Die russische Börse ist volatiler, weil viele Werte zu einem großen Teil am Ölpreis hängen. Das muss man wissen, wenn man dort veranlagen will. Wenn hier noch politisches Risiko dazukommt, dann untergewichten Investoren die Region sehr schnell. Wir haben aktuell zum Beispiel in unserem globalen Aktienfonds gar kein Engagement in Russland.

Standard: Die Türkei galt lange als aufstrebender Mark. Jetzt versinkt die Politik im Korruptionschaos, die Lira sackt ab, die Börse schwankt, die private Verschuldung wird durch Kreditverbote auf bestimmte Produkte eingedämmt. Was braut sich hier zusammen?

Crowl: Die Türkei hat viele Unternehmen, die gut geführt werden und gut laufen. Daher finden wir es schade, dass die Börse so unruhig geworden ist, weil damit das Investieren schwerfällt, zumal die Unternehmen billig sind. Wir hoffen, dass die bevorstehenden Wahlen (Kommunalwahlen und Präsidentenwahl; Anm.) eine Veränderung bringen und die Politik sich wieder stabilisiert. Die Fremdverschuldung des Landes ist hoch, das Land hat vor allem Dollar-Schulden. Daher lassen wir vorerst auch die Finger von türkischen Staatsanleihen.

Standard: Welche Strategie kann man derzeit verfolgen, um relativ sicher gute Rendite zu machen?

Crowl: Ich kann nur sagen, wie wir uns im globalen Portfolio aufstellen. Seit letzten Sommer sehen wir eine globale Erholung im Produktionssektor, die von den USA angeführt wird. Das schafft ein optimistisches Umfeld. 45 Prozent haben wir derzeit in den USA investiert, rund 20 Prozent in Europa, zehn Prozent in Japan und der Rest ist auf Emerging Markets aufgeteilt. Wir ziehen derzeit entwickelte Märkte vor. In den USA gefallen und die Sektoren Internet, Chemie und durchaus auch wieder Finanzwerte. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 14.3.2014)

Sandra Crowl ist seit 2003 im Fondsmanagement. Die Australierin kam 2007 zu Carmignac Gestion und ist dort Mitglied des Investment- und des Produktkomitees. 

  • In Indien schwächt die Inflation und fehlende Infrastruktur die Investments.
    foto: apa/epa/solanki

    In Indien schwächt die Inflation und fehlende Infrastruktur die Investments.

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