Blockbuster im Irgendwo

14. März 2014, 17:56
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Filmemacher Wim Wenders sprach in Leipzig über Räume und Träume

Das Verschwinden der Mitte lässt sich an der Leipziger Buchmesse überall beobachten. Zur Veranstaltung "Words & Money. Schreiben und Verlegen in digitalen Zeiten" verirrten sich am Tag, an dem bekannt wurde, dass Amazon in Deutschland ins Verlagsgeschäft einsteigen will, gerade einmal drei Dutzend Zuhörer. Am Abend hätte man dann ein Stadion mieten können, um den zu einem Gespräch zwischen Peter Zumthor und Wim Wenders ins Kunstmuseum Stürmenden genug Platz zu bieten.

Die Red Bull Arena von Rasenballsport Leipzig wäre sicher frei gewesen. Die "Arena" hieß früher Zentralstadion. 100.000 Zuschauer - Rekord für ein Meisterschaftsspiel - sahen 1956 das Derby zwischen SC Rotation Leipzig und SC Lokomotive Leipzig (1:2).

Um Räume und Träume in einer Mainstreamwelt drehte sich auch fast alles im Gespräch zwischen Architekt Zumthor und Filmemacher Wenders. Räume können Emotionen speichern, so Zumthor, der meinte, er wäre lieber in der Thomaskirche (wo Bach spielte) geblieben, wohin er gleich nach seiner Ankunft gerannt sei. Wenders sah's ähnlich. Auch im Film erzähle der Ort die Geschichte mit. Es sei kein Zufall, dass viele Blockbuster in einem Irgendwo spielen. Fast im Nirgendwo, einem kleinen uckermärkischen Dorf, hat Sasa Stanisic seinen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman Vor dem Fest angesiedelt. Die Vergänglichkeit und der Duft des Lebens spielen in dem Buch ebenso eine Rolle wie eine Füchsin. Diese kommt auf dem Weg zum Hühnerstall an einer Bäckerei vorbei, wo Menschen, wie es im Roman heißt, das tun, was sie am liebsten machen: "aus einer Sache eine andere". Nach dem emotionalsten Raum in seinem Leben gefragt, antwortete Wenders sekundenschnell mit "der Hühnerstall". Aus zwei Hühnern und sonst nichts habe, als er Kind war, das Vermögen seiner im Krieg ausgebombten Eltern bestanden. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 15./16.3.2014)

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