"Väter sind raubeiniger"

Interview14. März 2014, 17:30
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Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert über eine neue Väterstudie, geänderte Rollenbilder in der Familie und intensivere Outdoor-Erfahrungen mit den Papas

derStandard.at: Wie hat sich die Vaterrolle in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Ehlert: Väter engagieren sich tatsächlich mehr als früher. Das rührt zum einen von dem geänderten gesellschaftlichen Verständnis her, zum anderen ist das so, weil die meisten Mütter heute nach relativ kurzer Zeit wieder berufstätig sind und die Eltern daher Haushalt, Kinder und Beruf regeln müssen.

derStandard.at: Das klingt ein bisschen, als würden Männer nicht freiwillig mehr machen.

Ehlert: Es ist eine Art Ziehen und Drängen. Eine Frau, die arbeitet, trägt zum Haushaltsbudget bei. Damit werden die Väter entlastet. Es heißt allerdings auch, dass sie andere Aufgaben mehr übernehmen müssen.

derStandard.at: Die Vaterrolle hat sich binnen einer Generation massiv verändert. Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?

Ehlert: Beteiligen sich Väter aktiv an der Kindererziehung, dann sind beide Rollenbilder bei Buben wie Mädchen stärker präsent. Kinder können unterschiedliche Erfahrungen machen und sind dadurch auch aufs spätere Leben besser vorbereitet.

derStandard.at: Was unterscheidet aber die Vater-Kind- von der Mutter-Kind-Beziehung?

Ehlert: Wie man aus den Beziehungen der Kinder zu ihren Eltern weiß, wollen viele Väter grobmotorische Aktivitäten eher mit ihnen machen als die Mütter. Väter sind raubeiniger. Kinder verbinden Outdoor-Erfahrungen wesentlich intensiver mit den Vätern und die feinmotorischen Dinge mit den Müttern. Auch wenn es Ausnahmen gibt, ist die große Tendenz dennoch genau so.

derStandard.at: Kommen da alte, tradierte Einstellungen zum Tragen?

Ehlert: Also ich war noch nie der Ansicht, dass Männer und Frauen komplett gleich sind. Diese Unterschiede schlagen sich logischerweise auch in der Erziehung der Kinder nieder.

derStandard.at: Arztbesuche, Essen kochen, Hausaufgaben kontrollieren – das ist vor allem Müttersache. Picken sich die Väter nur die Rosinen heraus?

Ehlert: Na ja, das liegt sicherlich auch an der Erwerbstätigkeitsstruktur. Mehrheitlich ist es doch noch immer so, dass die Väter durch Vollzeitbeschäftigung einen höheren Anteil außer Haus verbringen. Dadurch liegen diese Routinearbeiten automatisch bei dem Elternteil, der mehrheitlich zu Hause ist – und das ist meist die Frau. Ihr bleibt ja gar nichts übrig, als diese Routineaufgaben zu organisieren. Denn es macht keinen Sinn, wenn die Kinder mit den Hausaufgaben warten müssen, bis der Vater abends von der Arbeit kommt.

derStandard.at: Wer ständig arbeitet, ist nie zu Hause. Erscheinen Väter daher in den wenigen Stunden den Kindern sympathischer, weil sie den Ballast des Alltags nicht mitschleppen?

Ehlert: Das ist völlig richtig. Ich kann mich andererseits nicht erinnern, dass vor 15 Jahren so viele Väter morgens mit ihren Kindern unterwegs in die Schule, den Kindergarten waren. Da hat sich vieles geändert. Vor 50 Jahren hätte kein Mann einen Kinderwagen geschoben.

derStandard.at: Aber gleichwertig ist das dennoch nicht. Alles der Erwerbstätigkeitsstruktur geschuldet?

Ehlert: Nein. Dazu gehört auch, dass beide Elternteile bereit sind, dass der jeweils andere Dinge anders macht.

derStandard.at: Sollen Eltern versuchen, Unterschiede in den Erziehungsstilen zu vermeiden?

Ehlert: Nein, warum? Ich finde es gut, wenn es unterschiedliche Stärken, aber auch Schwächen in der mütterlichen und väterlichen Erziehung gibt. Der springende Punkt ist nur: Das Elternpaar muss sich darüber bewusst sein. Und bei kritischen Fragen müssen Eltern an einem Strang ziehen. Wer das danach ausführt, ist sekundär.

derStandard.at: Und ein Rollentausch?

Ehlert: Stellen Sie sich vor, einer kann gut kochen, der andere gut Kuchen backen. Wieso sollen die tauschen? Wenn beide mit der Aufteilung zufrieden sind, gibt es keinen Grund dafür.

derStandard.at: Sie suchen gerade 3.000 Väter für eine neue wissenschaftliche Studie zum Thema Vaterschaft. Was macht denn einen guten Vater aus?

Ehlert: Das ist simpel: Ein Mann, der sich tatsächlich für seine Kinder engagiert, Zeit mit ihnen verbringt und sich aktiv an der Erziehung beteiligt, ist wohl ein guter Vater.

derStandard.at: Wie viele Väter, Stiefväter haben Sie für Ihre Studie schon befragt?

Ehlert: Wir wollen eine möglichst große Datenbasis haben, um Wissen darüber zu generieren, wie es den Vätern in ihrer Rolle geht. Junge Väter scheinen sehr engagiert zu sein - wir halten derzeit bei etwas mehr als 2.000 Befragten. Wir suchen aber auch Väter mit pubertierenden oder längst erwachsenen Kindern. Bei Letzteren gibt es Väter, die erleben sich gar nicht mehr als Ansprechperson. Die sagen: Ach so, meine Kinder sind doch schon groß, das ist kein Thema mehr für mich.

derStandard.at: Positiv formuliert lassen also Väter leichter los?

Ehlert: Genau, wobei ich sage: Es geht nicht ums Loslassen. Das ist doch eine lebenslange Bindung. 

derStandard.at: Werden Vater-Vater-Kind-Familien eigentlich auch untersucht?

Ehlert: Nein, die haben wir explizit ausgeschlossen, weil unser Sample für diese Gruppe zu klein wäre. Aber sie haben völlig recht, es wäre sehr spannend, sich dort die Kindesentwicklung anzuschauen.

derStandard.at: Ein regelmäßig wiederkehrender Vorwurf lautet, Väter seien Erziehende zweiter Klasse.

Ehlert: Deshalb rücken Väter ja ins Zentrum. Ein Beispiel: In der Schweiz ist die gemeinsame Obsorge von Mutter und Vater nach einer Trennung erst seit dem Vorjahr die Regel und nicht mehr die Ausnahme. Bei Scheidungen wurde das Sorgerecht mehrheitlich der Mutter zugesprochen. Kein Wunder, dass sich die Väter als Elternteil zweiter Klasse sehen. (Peter Mayr, derStandard.at, 14.3.2014)

Ulrike Ehlert (53), geboren in Ebermannstadt (Deutschland), ist seit 1999 Ordinaria für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Sie ist verwitwet und Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder. Aktuell werden noch 1.000 Väter aus Österreich gesucht, die an der Studie mitmachen wollen (Informationen unter vaterumfrage.org). Stiefväter aus dem Raum Wien, Niederösterreich und Burgenland können sich melden unter b.supper@univie.ac.at.

  • "Bei Scheidungen wurde das Sorgerecht mehrheitlich der Mutter zugesprochen. Kein Wunder, dass sich die Väter als Elternteil zweiter Klasse sehen", sagt Ulrike Ehlert, Ordinaria für Klinische Psychologie an der Uni Zürich.
    foto: privat

    "Bei Scheidungen wurde das Sorgerecht mehrheitlich der Mutter zugesprochen. Kein Wunder, dass sich die Väter als Elternteil zweiter Klasse sehen", sagt Ulrike Ehlert, Ordinaria für Klinische Psychologie an der Uni Zürich.

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