"Gründe, die Leerstand profitabel machen"

Interview18. März 2014, 14:42
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Manche glauben, dass Wohnun­gen leerstehen, um die Preise nach oben zu schrauben. Mara Verlic kann das nicht bestätigen. Es könne aber Situationen geben, in denen Leerstand Sinn macht

STANDARD: In den Foren-Diskussionen ist Leerstand ein emotionales Thema. Warum?

Verlic: Während Leerstand im Wohnungsbereich schwer ersichtlich ist, sind leere Geschäftsläden stark bemerkbar. Das ist ein emotionales Thema, weil man damit stark den wirtschaftlichen Niedergang eines Viertels und Unsicherheit assoziiert. Ein weiterer Grund ist, dass sich sehr viel ballt, weil Wien einen angespannten Immobilienmarkt hat. Die eine Seite sind die Nutzer, bei denen es einen Mangel an leistbarem Raum - Wohnraum, aber auch Arbeitsraum - gibt. Die andere Seite ist die der Eigentümer, die in einen Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie etwas leer stehen lassen.

STANDARD: Steckt hinter Leerstand Strategie?

Verlic: Ich habe keine Motivforschung dazu gemacht, warum Leute Immobilien leer stehen lassen. Wir können aber schon aus steuerrechtlicher und immobilienwirtschaftlicher Sicht sagen: Es kann Gründe geben, die das profitabel machen.

STANDARD: Die Stadt spricht von 30.000 leerstehenden Wohnungen, viele glauben, dass es weitaus mehr sind. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Eindrücken?

Verlic: Wohnungsleerstand ist für Stadtbewohner sehr schwer einzuschätzen. Die Stadt veröffentlicht keine konkreten Zahlen, auch die Immobilienfirmen am privaten Markt sind nicht dazu verpflichtet, Zahlen zu veröffentlichen. Das heißt, alles beruht auf ominösen Schätzungen. Bei der Leerstandsdefinition gibt es unterschiedliche Herangehensweisen, die immer eine gewisse politische Implikation haben. In manchen deutschen Städten werden etwa die Stromzähler gemessen. Die Frage ist aber: Ist jeder Haushalt mit einer geringen Stromzählung wirklich leer? Es könnte ja auch sein, dass es ein sehr armer Haushalt ist.

STANDARD: Für welche Definition sprechen Sie sich aus?

Verlic: Mir erscheint das Modell, das es in Amsterdam gibt, sinnvoll: Eigentümer müssen Leerstand nach sechs Monaten melden, sonst droht eine Geldstrafe. So wird der Leerstand zumindest für die Stadtplanung einsehbar, und es gibt Druck, ihn zu beseitigen.

STANDARD: Warum gibt es das in Wien nicht?

Verlic: Das Eigentumsrecht wird als etwas Heiliges angesehen. Die Maßnahme wäre zwar weit entfernt von einer Enteignung, aber es wäre eine gewisse soziale und gesellschaftliche Pflicht.

STANDARD: Wie viel Leerstand braucht eine Stadt?

Verlic: Das hängt von der Perspektive ab. In einer privatwirtschaftlichen Logik wird Leerstand benötigt: Umziehen setzt ja auch andere wirtschaftliche Impulse. Aus einer sozialeren Perspektive könnte man vermuten, dass Wien auch deswegen Leerstand braucht, weil es für manche Formen der Obdachlosigkeit kein Angebot gibt. Diese Menschen brauchen Formen des Leerstands als Notlösung für eine Minimalform des Wohnens.

STANDARD: Ist eine Leerstandsdiskussion immer politisch?

Verlic: Auf jeden Fall. Dahinter stehen immer die größeren Fragen: Wer darf über Raum entscheiden? Wem gehört der Raum? Wem gehört die Stadt?

STANDARD: Von der Stadt wird im Frühjahr eine Agentur für Zwischennutzung vorgestellt. Was erwarten Sie sich?

Verlic: Ich erhoffe mir eine Bedarfsorientierung in der Herangehensweise. Ich würde mir wünschen, dass man auch soziale Initiativen im Auge hat und nicht nur auf Profit ausgerichtete. Die Agentur sollte dabei helfen, faire Mietverträge mit geringen Mieten auszuhandeln.

STANDARD: Was erwarten Sie sich sonst von der Politik?

Verlic: In unserer Studie haben wir uns immer dafür ausgesprochen, dass es eine Form von Verantwortungsübernahme der Stadt für die leeren Räume geben sollte. Neben einer Meldepflicht für Leerstand und Druck auf Eigentümer gibt es auch Maßnahmen, die nicht auf den ersten Blick damit zu tun haben: strenge Mietobergrenzen zum Beispiel, weil vieles wahnsinnig überteuert angeboten wird.

STANDARD: Wäre Besteuerung von Leerstand in Wien eine Option?

Verlic: Ich denke schon, dass das möglich wäre - aber es gäbe sicher großen Widerstand. Wie bei allen politischen Themen geht es um die Frage, wen man im Auge hat. Momentan sind das eher die Eigentümer.

STANDARD: Bis 2030 sollen zwei Millionen Menschen in Wien leben. Warum baut man an Stadterweiterungsprojekten, anstatt dem Leerstand zu Leibe zu rücken?

Verlic: Es klingt vielleicht paradox, aber ich glaube, dass es aus der Perspektive einer profitorientierten Stadtentwicklung Sinn macht. Neubau ist die Möglichkeit, Kapital in eine Stadt zu investieren. Das starke Stadtwachstum ist politisch gefeiert und erwünscht, weil deswegen gebaut werden kann und öffentliche Gelder in etwas hineinfließen, wo dann auch privat investiert werden kann. Stadtwachstum ist in einer profitorientierten Stadtentwicklung das Wünschenswerteste überhaupt - wünschenswerter als Renovierung oder Wiederaufwertung von Leerstand. (Franziska Zoidl, derStandard.at, 18.3.2014)

Mara Verlic (28) hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Wencke Hertzsch an der TU die von der Stadt Wien in Auftrag gegebene Studie "Perspektive Leerstand" geleitet. Momentan forscht sie für ihre Dissertation an der Akademie der bildenden Künste im Bereich von Spaces of Urban Commons.

  • Im Gegensatz zu ungenutzten Geschäftsflächen ist Wohnungsleerstand für Wiener nur schwer erkennbar.
    foto: istockphoto.com/sumnersgraphicsinc

    Im Gegensatz zu ungenutzten Geschäftsflächen ist Wohnungsleerstand für Wiener nur schwer erkennbar.

  • Mara Verlic (28) forschte zu Leerstand.
    foto: florian fusco

    Mara Verlic (28) forschte zu Leerstand.

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