Die Ertraglosigkeit des leichten Seins

14. März 2014, 18:00
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Ich kann aufstehen, wann ich will, ich kann tagelang herumlungern, Kaffee trinken, Zeitung lesen: Der Autor Matthias Nawrat über seine freie Arbeit als Schriftsteller

Erstaunlich, wie sich in mir immer etwas wehrt, aus dem Arbeitsalltag herauszutreten. In diesem Monat erscheint mein Roman Unternehmer, eine Erzählung über die 13-jährige Lipa und ihren einarmigen kleinen Bruder Berti, Mitarbeiter im Elektroschrotthandel ihres Vaters, die ihre zur Schule gehenden Altersgenossen als Arbeitslose bezeichnen und für das Unternehmertum am Ende sogar das Liebesglück sowie ganze Körperteile opfern. Ich frage mich, warum unter meinem Stift plötzlich wie aus dem Nichts die ersten Sätze dieser Parabel über den zeitgenössischen Totalitarismus der Arbeit auftauchten.

Ich bin doch Künstler und damit in meiner Arbeit frei. Ich kann aufstehen, wann ich will, ich kann tagelang herumlungern, Kaffee trinken, Zeitung lesen. Ich kann am Wochenende nach London fliegen und dort ein paar Zeilen schreiben. Oder auch nicht. Ich bin ein Europäer des 21. Jahrhunderts, und ich sehe viele wie mich, jeden Tag, wenn ich aus meinem Berliner Stadtteil Wedding rüber in den Prenzlauer Berg spaziere, oder nach Mitte. Ein Bild wie in jeder heutigen Großstadt: hunderte Kreative hinter MacBooks in Cafés, freischaffende Designer, Graphiker, Werbetexter. Wir haben die totale Freiheit des sich in seiner Arbeit selbstverwirklichenden Individuums erreicht. Wo- her also das unbeständige Gefühl, dass ich ein Sklave bin, dass der Totalitarismus niemals verschwunden ist, dass er noch irgendwo lebt, nur eben versteckt und irgendwie auch perfider?

Erst kürzlich habe ich beim Durchblättern meines Notizbuchs den etwas längeren Tagebucheintrag vom 19. Mai des letzten Jahres entdeckt, an den ich mich gar nicht mehr erinnert habe. Und da steht es schwarz auf weiß und zeigt mir, warum sich mir meine Unternehmer - diese Kinder, die nichts anderes kennen als Arbeit - förmlich aus meinem Unterbewusstsein aufdrängten.

Hier der Eintrag in seiner ganzen Länge: "Erstaunlich, wie sich in mir immer etwas wehrt, aus dem Arbeitsalltag herauszutreten. L. und ich waren am Pfingstwochenende im 22-Zimmer-Haus in Birkholz, fünfzig Kilometer außerhalb von Berlin, um das wir uns eventuell kümmern sollen, solange E. F. noch in New York wohnt. In Birkholz gibt es nichts, nicht meinen Schreibtisch mit dem Polenroman, nicht das Internet, nicht den Syrienkrieg. Wir sind mit den Fahrrädern aufgebrochen, zunächst mit der S-Bahn bis nach Königs Wusterhausen, dann mit einem Bus weiter nach Märkisch Buchholz. Von der Bushaltestelle aus dann auf einem Plattenweg durch den Wald, der später zu einem Sandweg wurde, der Sand quietschte und knarzte in der Kette. Flache Landschaft, Kiefern, Wiesen mit einem gelben Hauch über dem grünen Gras. Die Stille des im Regen eingehüllten Niemandslands um die Großstadt Berlin. Später machte ich im Garten des Hauses ein Feuer, der Nebel stieg aus den Weiden, es roch nach Pferd aus dem Isländer-Gestüt nebenan. Das 22-Zimmer-Haus ist ruinös, und weil es nicht benutzt wird, krochen große robuste Spinnen aus den Wasserleitungen, als Herr M. den Haupthahn im Keller aufgedreht hatte, und es roch überall nach alten Teppichen, sodass L. und ich es unangenehm fanden, in der Küche im Parterre zu sitzen.

Und wir waren froh, dass es am Abend aufhörte zu regnen und wir raus konnten in den Garten. Alles in allem ist das normale Schreibleben in Berlin wie weggeblasen, in einer anderen Welt zurückgeblieben. Hier in Birkholz ist nichts. Das Haus ist eine alte Villa, die einmal zu einem nicht mehr stehenden Schloss gehört hat, zu einem Rittergut, das im Krieg zerbombt worden ist. Das Haus diente damals der Unterbringung der Gäste, nach dem Krieg dann kurzzeitig als Lazarett für die sowjetische Armee und dann als Flüchtlingslager. Herr M. zeigte uns in den Kellerräumen die alten Kochstellen, es wohnten hier dutzende Familien, vermutlich aus Pommern, Ostpreußen, vielleicht auch aus Schlesien.

Zur DDR-Zeit wurden in der Villa dann separate Wohnungen eingerichtet, und auch Herr M., der aus Chemnitz stammt und Ingenieur beim Bau von Trockenmilchfabriken gewesen ist, hatte hier in den letzten Jahren vor der Wende unter dem Dach eine Einliegewohnung, er zeigte uns die dunklen Räume, an deren Wänden noch Reste der goldfädig durchwebten Blumentapete aus diesen Zeiten zu sehen sind. Herr M. kennt jedes Detail der Region, weiß viel über das alte Forst- haus im nahegelegenen Hermsdorf, das jetzt dem österreichischen Künstler W. W. gehört, der um den Ort Skulpturen aufgestellt und einen Poetenpfad eingerichtet hat. Oder wo man am besten Kanus ausleihen kann, um in den Spreewald zu paddeln ("Mit Ewald in den Spreewald" in Leibsch.) Birkholz besteht aus vielleicht fünfzehn Häusern und einer Dorfstraße. Die Straße ist im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern asphaltiert, nicht mit Kopfstein ausgelegt. Sie verzweigt sich in der Ortsmitte in vier Richtungen, aber nur die Ausfahrt nach Norden, die zur Straße zwischen Märkisch Buchholz und Münchehofe führt, bleibt asphaltiert. Eine Abzweigung geht über in einen Plattenweg durch den Kiefernwald und stößt nach einer Weile auf eine Bundesstraße, auf der aber kein einziges Auto fährt, minutenlang.

Die anderen zwei Abzweigungen werden kurz nach dem jeweils letzten Haus des Dorfes zu einem Sandweg, der in den Wald taucht, umringt von Kiefern und Sandboden, hier verlief kurz vor Ende des Krieges angeblich eine der Kampflinien beim Sturm der Sowjets auf Berlin. Der Werkzeugschuppen im Garten des Hauses hat im Gemäuer des Dachs ein Loch, noch von einer Fliegerbombe. Während der DDR-Zeit fehlte das Geld, um es zu reparieren, und jetzt gehört das Haus zwar E. F., aber der lebt ja in New York, und Herr M. hat bisher im 22-Zimmer-Haus genug zu tun gehabt, mit der Entrümpelung, der Enttapezierung, der Entteppichisierung.

Am nächsten Morgen Frühstück im Garten, danach das Herumsitzen, mit Blick über die Weiden, bis zu den Waldrändern um uns herum. Es gibt hier nichts. Es gibt auch keine Zeit, und man könnte jetzt tagein, tagaus im Garten frühstücken, etwas Gutes lesen, am Abend ein Feuer machen und zuschauen, wie der Nebel aus den Weiden steigt. Und doch ist in mir eine Unruhe, doch kann ich etwas in mir nicht loslassen, und ich plane schon, während wir am Abend dann wieder am Feuer sitzen, dass ich morgen am Nachmittag unbedingt in Berlin sein will. Warum kann ich nicht einfach hierbleiben? Was ist diese moralische Instanz in mir, die sagt: Du musst so schnell wie möglich wieder etwas schreiben, du musst zurück in deine gewohnte Umgebung, in den Wedding, herumlaufen und notieren oder mit deinem Notizbuch in ein Café und am Polenroman weiterschreiben oder einen Titel für den Unternehmer-Roman suchen oder zu Hause Notizen abtippen?"

So viel zu unserem Ausflug aufs Land. Wo wir eigentlich eine Woche hatten bleiben wollen. Wir sind, soweit ich mich heute erinnern kann, am nächsten Morgen (einem Sonntag) Richtung Berlin aufgebrochen, immerhin als Fahrradtour getarnt, die Sonne schien. Und es war eine schöne Fahrradtour, durch menschenleeren Wald, kilometerweit nur flaches, leeres Wald- und Wiesengelände, es roch nach Brombeeren, nach sonnengetrocknetem Gras, nach Kiefern. Das letzte Stück ging es an der Spree entlang, auf den Wegen Sonntagstouristen auf Fahrrädern, auf dem Wasser Motorboote.

Am Abend habe ich zu Hause mein Notizbuch abgetippt. Und am nächsten Morgen habe ich zunächst vier Stunden lang an meinem Polenroman gearbeitet, danach bin ich durch den Wedding gegangen und habe Notizen für mein Wedding-Tagebuch gemacht, aus dem, so meine Vorstellung, vielleicht irgendwann ein Wedding-Roman wird. Und nach einem Titel für das in diesem März erscheinende Buch habe ich auch gesucht, gewissermaßen zwischen den anderen Tätigkeiten, in jeder freien Minute also, ich habe um die hundert verschiedene Varianten durchgespielt, das Buch heißt jetzt wie gesagt Unternehmer, so hatte mein ursprünglicher Arbeitstitel gelautet.

Andererseits: Was soll man auch so lange ruhig herumsitzen und nichts tun. Oder um es sinngemäß mit Lipa zu sagen, der 13-jährigen Heldin meines Unternehmer-Romans: Freizeit? Was soll das sein? Was genau macht man dabei? (Matthias Nawrat, Album, DER STANDARD, 15./16.3.2014)

Matthias Nawrat, geb. 1979 in Opole, ist deutscher Schriftsteller polnischer Herkunft. 2012 erschien sein erster Roman "Wir zwei allein" (Nägel&Kimche). Mit seinem Text "Unternehmer" gewann er bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Kelag-Preis. Sein neuer Roman "Unternehmer" erschien am 3. März im Rowohlt-Verlag.

  • Matthias Nawrat: Was soll man auch so lange ruhig herumsitzen und nichts tun. Oder um es sinngemäß mit Lipa zu sagen, der 13-jährigen Heldin meines "Unternehmer"-Romans: Freizeit? Was soll das sein?
    foto: yves noir

    Matthias Nawrat: Was soll man auch so lange ruhig herumsitzen und nichts tun. Oder um es sinngemäß mit Lipa zu sagen, der 13-jährigen Heldin meines "Unternehmer"-Romans: Freizeit? Was soll das sein?

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