Russland: "Unanständige" Rolle des Fernsehens

14. März 2014, 11:06
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Im Schatten der Krim-Krise schwindet Medienpluralität - Chefredakteur von "Nowyje Iswestija" kritisiert die Kriegsbegeisterung

Kiew - Im Schatten der Krim-Krise schwinden die letzten Reste der Medienpluralität in Russland. Der letzte unabhängige Fernsehsender Doschd wurde kürzlich aus den Kabelnetzen entfernt, das erfolgreiche kritische Internetportal lenta.ru verlor am Mittwoch seine Chefredakteurin. Auch im Pressebereich ist es eng geworden, sagt der Chefredakteur der Zeitung "Nowyje Iswestija", Igor Wandenko.

Die liberale Tageszeitung mit einer Tagesauflage von etwa 50.000 Exemplaren ist eines der wenigen überregionalen Tages- und Wochenmedien, die die derzeitige Krim-Politik des Kreml deutlich kritisierten. Neben seiner Zeitung sei derartiges lediglich noch in der Wirtschaftszeitung Wedomosti, dem Wochenmagazin New Times, der Nowaja Gaseta und bedingt in der Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez möglich, erklärt Wandenko. Er betont ausschließlich für sich und nicht für seine Zeitung zu sprechen.

Vergangene Woche hatte Wandenko in seiner Zeitung einen Kommentar veröffentlicht, in dem er sein Entsetzen über die Kriegsbegeisterung seiner Landsleute zum Ausdruck brachte. Russland habe vor den Augen der Welt und der Ukraine bereits eine moralische Niederlage erlitten, schrieb der Chefredakteur: "Ich möchte hoffen, dass sich dies auf die Regierenden und nicht auf das Volk bezieht. Allerdings: Dieses Volk versucht derzeit sehr intensiv, diese Verantwortung mit den Mächtigen zu teilen."

Zustimmung für Putin auf Rekordhoch

Derartige Stimmen finden in der russischen Öffentlichkeit derzeit nur sehr wenig Gehör - nach veröffentlichten Umfragen erreicht die Zustimmung für Präsident Wladimir Putin und seine Politik Rekordwerte. "Eine Schlüsselrolle dafür spielt das Fernsehen", sagt Wandenko, das von vielen Menschen in Russland nach wie vor als eine "Wahrheit letzter Instanz" rezipiert würde. Der Printjournalist begründet dies mit einer "Trägheit bei Veränderungen", die ein Spezifikum des postsowjetischen Menschen sei.

Schon in den späten 1980er- und führen 1990er-Jahren habe sich, so Wandenko, die große Bedeutung des Fernsehens gezeigt: Damals habe das Fernsehen liberale und demokratische Botschaften ausgesandt und die Stimmungslage in der Gesellschaft habe sich allen Umfragen zufolge in genau diese Richtung verschoben. Seit dem Beginn der Ära Putin vor eineinhalb Jahrzehnten verfolge das Fernsehen eine konträre Linie.

In den letzten zwei, drei Wochen sei dies im TV gar "unanständig" geworden, erklärt Wandenko. Er spielt dabei auf die Ukraine-Berichterstattung in staatlichen russischen Fernsehsendern an, die oft nur noch wie eine Illustration politischer Vorgaben des Kreml anmutet. "Das ist natürlich kein Journalismus mehr, das ist zu 95 Prozent Propaganda", erklärt der Chefredakteur.

Keine direkte Zensur

Gleichzeitig betont Wandenko, dass in den meisten Fällen von keiner direkten Zensur durch den Kreml die Rede sein könne: "Das aktuelle Klima diktiert Journalisten und Medien, sich vorsichtiger zu verhalten. Das betrifft auch uns: Du denkst jedes Mal daran, dass dutzende Journalisten bei einem unvorsichtigen Schritt ihre Arbeit verlieren könnten." Die Selbstzensur habe mittlerweile "gewaltige Ausmaße" erreicht. Auch bei sich selbst nehme er dies wahr, obwohl seiner Zeitung gegenüber bisher nie "Andeutungen" in Bezug auf kritische Veröffentlichungen gemacht worden seien.

Für die nächste Zeit erwartet Wandenko keinerlei Verbesserungen. Medien könnte nicht unabhängig von Geopolitik existieren und die laufenden Ereignisse im Zusammenhang mit der Ukraine werden, so prognostiziert er, zu einer internationalen Isolation Russlands führen. Diese würde jedoch nicht derart radikal wie der seinerzeitige "Eiserne Vorhang" ausfallen. Die Mittelschicht, die zum Jahreswechsel 2011/2012 gegen Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen 2011 demonstriert habe, sieht der Journalist in einer "tiefgreifenden Apathie". Zu weiteren Protesten werde es einstweilen nicht kommen, da diese Schicht ihren sozialen Status zu verlieren habe.

Sender aus dem Programm genommen

Dies gelte auch für Journalisten, die mehrheitlich die aktuellen Verschärfungen schweigend zur Kenntnis nehmen würden. Als kürzlich der Fernsehsender Doschd von praktisch allen Kabelfernsehanbietern aus dem Programm genommen wurde, habe es nur wenig öffentlichen Widerspruch von Journalisten gegeben. Diese habe einerseits mit der Spezifik des Berufs zu tun, der Journalisten aufgrund sprachlicher Barrieren in starkem Maß an ihr Heimatland binde. Aber auch Angst spiele eine Rolle: Um Geschäftsleute einzuschüchtern, reichten die Verurteilungen von Michail Chodorkowski. Für Angst unter Journalisten haben hingegen gesorgt, so erzählt der Nowyje Iswestija-Chefredakteur, dass einige der prominentesten Fernsehjournalisten des Landes gleich zu Beginn der Ära Putin praktisch aus ihrem Beruf verbannt worden seien. (APA, 14.3.2014)

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