Ob er wohl wiederkäme?

16. März 2014, 12:00
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Für das Projekt "Ganymed goes Europe" im Wiener Kunsthistorischen Museum schreiben Schriftsteller über Werke der Kunst. Die Autorin Milena Michiko Flasar über "Die Apfelschälerin" von Gerard ter Borch

Hier bei uns sagt man: Wenn einer fällt im Krieg, dann fällt er nicht allein. Mit ihm fällt seine Frau, mit ihr die Kinder, mit ihnen die Nachkommenden. Der Schuss, der ihn trifft, trifft zugleich alle, die an ihm hängen. Es ist ein Schuss mitten hinein ins Herz seiner Familie.

Aus Sicht des Kindes, das ich damals war, fiel Vater nicht bloß einmal, sondern mehrere Male, und mir scheint, ich konnte ihn fallen hören. Es war kein einzelnes Geräusch, mehr eine Vielzahl von Geräuschen, doch sie alle haben sich ineinandergelegt und sind eins geworden in dem Geräusch, das mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist: dem Geräusch von Apfelschalen, die zu Boden fallen, fast nicht hörbar. Dieses Geräusch tönt noch heute in meinen Ohren. Es ist der fast nicht hörbare Grundton, der, welcher alle anderen Geräusche erst hörbar macht. Er unterlegt sie. Und er begleitet sie. Ein immerwährendes Fallen.

Ob er denn wiederkäme?

Ja, gewiss.

Vater schaute an uns vorbei, ins Leere. Seine Augen blicklos wie die eines Vogels, der mit gebrochenen Flügeln auf der Erde liegt, von Würmern zerfressen. Als er so dastand, in der Tür, noch für einen Moment, hinter ihm das frühe Morgenlicht, da wusste ich, ohne es zu verstehen, in der Art, wie es nur ein Kind wissen kann, dass sein Versprechen eine Lüge war. Besser: eine als Lüge uniformierte Not. Das Hüsteln, mit dem er sie vor uns zu verbergen suchte, das Kratzen am Kinn. Ein wenig zu laut das kleine Lachen, mit dem er sich schließlich zum Gehen zwang. Höchste Zeit, lachte er, der Feind wartet nicht.

Das Wort Feind klang aus seinem Mund seltsam fremd, da er es noch nie zuvor ausgesprochen hatte. Es war, als ob ein anderer spräche, nicht er, als ob er lediglich so zu sprechen probierte wie jener andere, der er von da an sein würde. Heute weiß ich: Dieses Wort hat ihn zu Fall gebracht. Aller Niedergang hat seinen Ursprung in diesem einen Wort.

Das letzte Bild, das ich mir von Vater bewahrt habe, ist das seines Rückens, als er ging. Im nunmehr taghellen Licht schien er sich allmählich aufzulösen. Bei der Wegbiegung drehte er sich noch einmal nach uns um, in seiner Rechten den Apfel, den ihm Mutter im Hinausgehen zugesteckt hatte. Er winkte uns zu, der Apfel winkte mit. Danach war er wieder ein sich auflösender, aufgelöster Rücken, einer von vielen, nicht auseinanderzuhalten.

Die Wahrheit ist: Ich habe vergessen, wie er aussah. In meiner Erinnerung gleicht er einem jeden anderen, der seitdem gegangen ist.

Ob er wohl wiederkäme?

Ja, gewiss.

Auch Mutter hatte tote Augen bekommen. Manchmal weinte sie, aber immer lautlos, die Tränen rannen still an ihr herunter. Und wenn ich ihr ein Taschentuch reichte, schien sie überrascht, so wenig Leben war in ihrem Weinen, dass es für sie selbst keinen Unterschied machte, ob sie sich die Wangen tupfte oder nicht. Derart selbstvergessen, war sie gleichsam eine Gefallene, lange bevor uns der Schuss über die Berge und Flüsse hinweg erreichte.

Bis dahin waren wir stets in ein und demselben Raum gewesen. Ob an Mutters Brust, ganz am Anfang, oder später auf ihrem Schoß, beim Einmachen an ihrem Rockzipfel oder im Bett mit meiner Stirn an ihrem duftenden Hals - selbst wenn wir nicht beieinander gewesen waren, hatten wir einen Raum geteilt, jenen innersten Raum, den man Familie nennt, voll der vertrauten Geräusche und Gerüche, ohne die man sich selbst kaum denken kann. Das Pfeifen des Teekessels am Morgen, ein warmer Laib Brot auf dem Tisch. Flackernde Kerzen. Draußen der Wind. Eine Stimme, die erzählt, und man will, dass sie einem wieder und wieder das Gleiche erzählt. All diese gleichen Geschichten. Wer sollte ich sein ohne sie? Der Raum, der uns einst freundlich umfasst hatte, wurde enger und enger, so eng, dass kein Platz mehr in ihm war, an dem wir uns hätten treffen können.

Ob er denn wiederkäme?

Ja, gewiss.

Ich wage zu behaupten: In jedem Haus wurde dieselbe Frage gestellt, dieselbe Antwort gegeben. Und in jedem Haus saßen die Mütter, in vorzeitige Trauer gehüllt, bloß eine Armlänge von ihren Kindern entfernt und doch um Welten von ihnen getrennt, da sie in Gedanken bei ihren Männern waren, den gesichtslosen Vätern.

Manche strickten, manche summten. Manche lasen, manche lachten (ja, auch solche gab es: Sie kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus). Und wir Kinder, wir standen daneben und sahen ihnen dabei zu, wie sie verschwanden, mit jeder Masche, die sie strickten, und jedem Takt, den sie summten, und wie wir selbst auch verschwanden, weil niemand da war, der uns sah. In jedem Haus fand ein eigener Krieg statt, wenn Krieg bedeutet, dass der eine vom anderen abfällt, es nichts mehr gibt, was sie zusammenhält.

Als uns die Nachricht von Vaters Tod erreicht, ist er schon jahrelang tot gewesen, und vielleicht ist Mutter deshalb so ruhig, ohne erkennbaren Ausdruck. Ein "Ah!", wie wenn sie die Nachricht vom Tod eines Unbekannten entgegennähme, das ist alles, was sie von sich gibt. Danach ist sie endgültig verschwunden, keine Frau mehr, fast kein Mensch.

Sie setzt sich nieder, der Stuhl ächzt an ihrer statt. Und während ich noch gar nicht begreife, was geschehen ist, weil Vaters Tod mir schlichtweg nichts sagt, hat sie bereits begonnen, einen von vielen, vielen Äpfeln zu schälen, und sie tut es auf genau dieselbe Art und Weise, wie sie die Jahre davor geweint hat: selbstvergessen.

Die Schalen fallen auf den Tisch und von dort auf den Boden, bald sind ihre Füße von Schalen überhäuft. Ich denke: Wenn sie so weitermacht, wird sie im Nu bis obenhin von Schalen bedeckt sein, und wirklich ist dies das letzte Bild, das ich mir von Mutter bewahrt habe: das ihres in Schalen begrabenen Körpers. Am Ende lacht sie: Höchste Zeit! Der Feind wartet nicht.

Wieder Jahre später, heute, jetzt, will ich den Nachkommenden die immer gleiche Geschichte erzählen, nämlich dass sich meine Eltern einst unter einem blühenden Apfelbaum küssten. Über ihnen der Mond, halbvoll. Auf ewig halbvoll. Und ich will sagen: Ja, gewiss! Auch wenn ich es besser weiß.  (Milena Michiko Flasar, Album, DER STANDARD, 15./16.3.2014)

Für Wien hat "Wenn es soweit ist" 14 AutorInnen eingeladen, Texte über Meisterwerke der Kunst zu schreiben. Jacqueline Kornmüller inszeniert diese Texte mit einem Ensemble im Kunsthistorischen Museum am 19. 3., 2./9./23./30. 4. und 7./14./21./28. 5., 19-22 Uhr.

Katalog: "Museum der Träume" (Hg. J. Kornmüller und P. Wolf), Brandstätter-Verlag, 2014

Milena Michiko Flasar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters und lebt als Schriftstellerin in Wien.
Zuletzt erschien von ihr "Okaasan - Meine unbekannte Mutter" (Residenz-Verlag, 2008) und "Ich nannte ihn Krawatte" (Verlag Klaus Wagenbach, 2012), mit dem sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist.

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"Ganymed goes Europe": Sammlung kostbarer Sprach-Bilder

  • Mutter und Kind sind in "Die Apfelschälerin" von Gerard ter Borch (um 1660) auf ihre Zweisamkeit reduziert: Der Apfel ist ein altes Symbol von Liebe und als verbotene Frucht des verlorenen Paradieses auch ein Zeichen des Todes.
    foto: kunsthistorisches museum

    Mutter und Kind sind in "Die Apfelschälerin" von Gerard ter Borch (um 1660) auf ihre Zweisamkeit reduziert: Der Apfel ist ein altes Symbol von Liebe und als verbotene Frucht des verlorenen Paradieses auch ein Zeichen des Todes.

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