Electronic-Dunes-Musikfestival in Tunesien

17. März 2014, 16:48
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Drei Jahre nach der Revolution kommen nur wenige Touristen in den Süden Tunesiens. Für ein Musikfestival reichte es trotzdem

Flughafen Tozeur, das "Tor zur Sahara": Still rotten die beiden Jumbo-Jets, die Saddam Hussein hier kurz vor Beginn des Golfkriegs 1990 in Sicherheit bringen ließ, vor sich hin. Dass die beiden Maschinen der Iraqi Airways jemals wieder fliegen werden, ist unwahrscheinlich: Mangels Konservierung haben sich trotz des trockenen Wüstenklimas Teile gelöst, der weiße Schutzanstrich bröckelt, darunter ist die grüne Originalfarbe zu erkennen.

Es ist nicht viel los hier in diesen Tagen: Drei Jahre nach der Tunesischen Revolution sind die Touristen zwar in die Strandresorts im Norden zurückgekehrt, der Süden des Landes bekommt aber nichts davon mit. Militärpatrouillen sollen verhindern, dass mutmaßliche Terroristen aus den Nachbarländern Libyen und Algerien die Grenze überschreiten. Und das österreichische Außenministerium empfiehlt, aus Sicherheitsgründen derzeit nur geführte Touren lokaler Veranstalter zu buchen (siehe detaillierte Info im Kasten rechts).

"Die Tourismusministerin hat zwar versprochen, Werbung für die Region zu machen, aber für einen Besuch bei uns hat es dann doch nicht gereicht", beklagt ein Straßenhändler in der Ortschaft Douz, von wo zu Zeiten des Langzeitherrschers Zine el-Abidine Ben Ali die Touren in die südtunesische Wüste aufbrachen.

Die Straßen des Südens sind weitgehend verwaist: Kein Autobus, kein Lastwagen stört die Stille, Straßenhändler und Touristenführer warten vergeblich auf zahlungskräftige Kundschaft. Dabei gäbe es in der Region viel zu entdecken: Über dem Chott el Djerid, dem größten Salzseengebiet nördlich der Sahara, flimmern Fata Morganas, die eine Wasseroberfläche vortäuschen.

Seit 1979 kann man das Sedimentbecken problemlos auf einer dammartigen Asphaltstraße durchqueren, neben der Neubaustrecke erinnern in die Salzkruste gesteckte Palmwedel an die alte Trasse, auf der sich Karawanen bemühten, brüchige Stellen zu vermeiden. Schon Karl May beschrieb am Anfang seines Romans Durch die Wüste die Gefahren des Sees, den er an der Seite seines treuen Dieners Hadschi Halef Omar überquert haben will.

Darth Vader versinkt im Sand

Später entdeckte Hollywood-Regisseur George Lucas die Wüste: In mehreren Episoden seines Star Wars-Zyklus sind südtunesische Landschaften zu sehen. Die Überreste der Filmkulisse, die vor fünfzehn Jahren Mos Espa, die Heimatstadt des Filmbösewichts Darth Vader, darstellten, drohen zwar demnächst von einer Wanderdüne verschüttet zu werden, bieten aber noch einen beeindruckenden Anblick.

Die ortstypische Tracht dürfte auch die Filmausstatter inspiriert haben: Die Ähnlichkeit zwischen den dicken braunen aus Kamelhaar gefertigten Kapuzenmänteln, mit denen sich die Wüstenbewohner vor der nächtlichen Kälte schützen, und der Kleidung der nagetierartigen "Jawa"-Aliens im Film ist unübersehbar.

Elektronik in den Dünen

Im Februar 2014 fand in Nefta erstmals das Electronic-Dunes-Musikfestival statt, zu dem Partybesucher aus Frankreich mit eigens gecharterten Flugzeugen, aber auch tunesische Jugendliche im Bus anreisten. Als Stargast wurde der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang engagiert. Die Veranstaltung soll aufgrund des großen Erfolgs spätestens im kommenden Jahr wiederholt werden.

Die erst Ende Jänner ernannte Tourismusministerin Amel Karboul, die in Deutschland Maschinenbau studiert hat und mehrere Jahre in Wien als Consulterin tätig war, ließ es sich nicht nehmen, die Partygäste persönlich zu begrüßen und bei dieser Gelegenheit Tunesien als "die erste Demokratie der arabischen Welt" zu bezeichnen.

Als Bilder des Events auf Facebook veröffentlicht wurden, führte dies auch zu Protesten: Religiöse Kreise kritisierten, dass viele Besucher Alkohol konsumierten. Tunesien produziert allerdings vorzügliche Rot- und Roséweine, der weiße Muscat wirkt auf österreichische Gaumen vielleicht ein wenig säurearm. Das in Tunesien gebraute Celtia-Bier ist zudem durchaus genießbar und auch in einer alkoholfreien Variante erhältlich, die aber recht deutlich nach Malz schmeckt.

Auch aus der Tourismusbranche kamen kritische Stimmen zu Karbouls Outfit: Es sei für eine Ministerin inakzeptabel, bei offiziellen Anlässen in Sportschuhen aufzutreten.

Von der Provinzhauptstadt Tozeur aus kann man im Rahmen einer Tagestour die Bergoasen besuchen. Der Parkplatz des (aus Touristenmangel derzeit leider geschlossenen) Fünf-Sterne-Hotels von Tamerza erlaubt beeindruckende Ausblicke auf die Ruinen der ehemaligen Siedlung, die ihre Bewohner bei der großen Flut im Jahr 1969 überstürzt verlassen mussten. Nach dreitägigen Regenfällen begannen die aus ungebrannten Lehmziegeln errichteten Gebäude einzustürzen. Der Regen hielt 22 Tage an, der Fluss trat über seine Ufer und riss viele Häuser mit sich. Die Flüchtlinge, hört man, nahmen bei der Abreise je ein weibliches und männliches Tier jeder Sorte mit, um die Arterhaltung sicherzustellen.

Die Katastrophe, die damals auch die Nachbarorte Midès und Chébika traf, dürfte für die Bewohner der abgelegenen Region (nach Tozeur sind es mehr als 60 Kilometer, die vor dem Bau der Fahrstraße zu Fuß, per Kamel oder Esel bewältigt werden mussten) tatsächlich die Ausmaße eines Weltuntergangs gehabt haben. Insgesamt kamen bei der "Sintflut" 400 Menschen ums Leben.

Zurückziehen ins Zelt

Wer sich aus der Zivilisation zurückziehen will, dem sei derzeit etwa ein Besuch des Camp Mars empfohlen. Nach vierstündiger Dünenfahrt im Geländewagen, am Naturschutzgebiet Jebil vorbei, erreicht man die luxuriöse Anlage neben dem leicht zu erklimmenden Tafelberg Tembaine.

Obwohl auf lärmende Stromgeneratoren verzichtet wurde und Wasser sowie Brennholz von weither angeliefert werden müssen, gibt es doch einigen Komfort: Jedes der 40 Zelte verfügt über eine (Trocken-)Toilette in einem separaten Raum, Waschbecken sind im Gelände verteilt, und im Restaurantzelt gibt es auf dem offenen Feuer gebackenes Brot und einen Eintopf aus Lammfleisch und Gemüse, die stundenlang in unter einer Feuerstelle im Sand vergrabenen Amphoren garen, zu probieren. Das Tongefäß muss zerschlagen werden, um an den köstlichen Inhalt zu gelangen.

Die Gipfel der Dünen bieten beeindruckende Ausblicke in die endlose Wüstenlandschaft, wer es schafft, frühmorgens das Luxuszelt zu verlassen, wird mit einem beeindruckenden Sonnenaufgang belohnt. Nur selten verdunkeln Regenwolken den Himmel, die streulichtarme Umgebung ermöglicht nachts beeindruckende Blicke ins Weltall. (Bert Eder, DER STANDARD, Album, 15.3.2014)

Mehr Bilder von dieser Reise gibt's in einer Ansichtssache.

Diese Reise wurde vom tunesischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.

  • Die Straße über den Chott el Djerid hat nur wenige Kurven. Die paar, die es gibt, sind deutlich markiert, damit die Reisenden in den Süden Tunesiens nicht vom Weg abkommen und im Salzsee versinken.
    foto: berthold eder

    Die Straße über den Chott el Djerid hat nur wenige Kurven. Die paar, die es gibt, sind deutlich markiert, damit die Reisenden in den Süden Tunesiens nicht vom Weg abkommen und im Salzsee versinken.

  • Die staatliche Fluglinie Tunisair fliegt jeden Sonntag und Donnerstag am Vormittag von Wien mit einer Boeing 737 nach Tunis/Karthago, von dort kann man am Abend per Inlandsflug nach Tozeur weiterreisen. Öffentliche Busse verkehren auf den Hauptverkehrsstrecken, im Landesinneren bewegt man sich wie die Einheimischen per Sammeltaxi oder Geländewagen fort. Empfehlenswert ist auch der historische Salonzug Lézard Rouge durch die spektakuläre Seldja-Schlucht. Für Ausflüge empfiehlt es sich, bei lokalen Anbietern einen allradgetriebenen Wagen mit Fahrer zu buchen - sie können das Gelände und sinnvolle Routen am besten einschätzen.
    foto: bert eder

    Die staatliche Fluglinie Tunisair fliegt jeden Sonntag und Donnerstag am Vormittag von Wien mit einer Boeing 737 nach Tunis/Karthago, von dort kann man am Abend per Inlandsflug nach Tozeur weiterreisen. Öffentliche Busse verkehren auf den Hauptverkehrsstrecken, im Landesinneren bewegt man sich wie die Einheimischen per Sammeltaxi oder Geländewagen fort. Empfehlenswert ist auch der historische Salonzug Lézard Rouge durch die spektakuläre Seldja-Schlucht. Für Ausflüge empfiehlt es sich, bei lokalen Anbietern einen allradgetriebenen Wagen mit Fahrer zu buchen - sie können das Gelände und sinnvolle Routen am besten einschätzen.

  • Unterkünfte gibt es in allen Preiskategorien, im Süden des Landes ist es auch zur Hauptsaison kein Problem, ein Zimmer zu finden. In Tozeur ist das Vier-Sterne-Hotel Ras El Ain ganzjährig zu empfehlen, das über einen geheizten Indoor-Pool verfügt. Günstigere Angebote finden sich in der historischen Altstadt. Das weit abgelegene Camp Mars bei Tembaine ist die beschwerliche, mehrstündige Anreise wohl nur wert, wenn man dort zumindest eine Nacht verbringt. Weiterführende Informationen bietet das tunesische Fremdenverkehrsamt, wo sich auch eine Adressliste weiterer empfohlener Hotels findet.
    foto: bert eder

    Unterkünfte gibt es in allen Preiskategorien, im Süden des Landes ist es auch zur Hauptsaison kein Problem, ein Zimmer zu finden. In Tozeur ist das Vier-Sterne-Hotel Ras El Ain ganzjährig zu empfehlen, das über einen geheizten Indoor-Pool verfügt. Günstigere Angebote finden sich in der historischen Altstadt. Das weit abgelegene Camp Mars bei Tembaine ist die beschwerliche, mehrstündige Anreise wohl nur wert, wenn man dort zumindest eine Nacht verbringt. Weiterführende Informationen bietet das tunesische Fremdenverkehrsamt, wo sich auch eine Adressliste weiterer empfohlener Hotels findet.

  • Die drei wichtigsten Bergoasen Südtunesiens und die verlassene „Star Wars"-Kulisse in der Nähe der Stadt Tozeur sind gut in jeweils einem Tag zu besichtigen und nicht von der Reisewarnung betroffen. Die aktuelle aufrechte partielle Reisewarnung gilt für die tunesischen Saharagebiete. Aktuelle Informationen findet man unter den Reiseinformationen des Außenministeriums: www.bmeia.gv.at  
Das deutsche Auswärtige Amt empfiehlt zudem, von Touristenreisen in das Gebiet südlich einer Linie, die von der Grenze zu Algerien über Tozeur - Douz - Medenine bis El Marsa (Fährstation nach Djerba) führt, derzeit abzusehen.
    foto: bert eder

    Die drei wichtigsten Bergoasen Südtunesiens und die verlassene „Star Wars"-Kulisse in der Nähe der Stadt Tozeur sind gut in jeweils einem Tag zu besichtigen und nicht von der Reisewarnung betroffen. Die aktuelle aufrechte partielle Reisewarnung gilt für die tunesischen Saharagebiete. Aktuelle Informationen findet man unter den Reiseinformationen des Außenministeriums: www.bmeia.gv.at 

    Das deutsche Auswärtige Amt empfiehlt zudem, von Touristenreisen in das Gebiet südlich einer Linie, die von der Grenze zu Algerien über Tozeur - Douz - Medenine bis El Marsa (Fährstation nach Djerba) führt, derzeit abzusehen.

  • Das tunesische Militär bewacht die verfallende Star-Wars-Kulisse
    foto: bert eder

    Das tunesische Militär bewacht die verfallende Star-Wars-Kulisse

  • Spur der Zerstörung: die große Flut riss Teile der Ortschaft Tamerza  mit sich
    foto: bert eder

    Spur der Zerstörung: die große Flut riss Teile der Ortschaft Tamerza  mit sich

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