Leipziger Buchpreise an Saša Stanišić, Robin Detje und Helmut Lethen

13. März 2014, 21:10
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Siebenköpfige Jury wählte aus 410 Titeln aus 136 Verlagen

Laut sei es in Leipzig, er könne weit und breit keinen "neuen Quietismus" erkennen meinte der Juryvorsitzende Hubert Winkels bei der Verleihung des in den Sparten Belletristik, Sachbuch und Übersetzung vergebenen Preises der Leipziger Buchmesse. Winkels, der immer so aussieht, als müsse er gleich die insgesamt 45.000 Euro Preisgeld aus der eigenen Tasche bezahlen, spielte damit auf die im Vorfeld der Buchmesse geführte Debatte um die vermeintliche Bravheit und Introvertiertheit der deutschen Gegenwartsliteratur an.

Zwar wird der von Winkels beschworene "Wind des öffentlichen Disputes" in Leipzig vor allem von den im Rahmen von Martin Pollacks Tranzyt-Schwerpunkt angereisten ukrainischen Autoren entfacht, aber in der Tat strafen auch die 15 Bücher der Buchpreis-Endauswahl die Bravheitsthese lügen.

410 Titel aus 136 Verlagen hat die siebenköpfige Jury (u. a. die Wiener Kritikerin Daniela Strigl) gesichtet und für jede Sparte fünf Finalisten ausgewählt. Der Belletristikpreis ging schließlich an Saša Stanišić und seinen hochpoetischen, in einem kleinen Ort in der Ex-DDR spielenden Roman Vor dem Fest (Luchterhand). Acht Jahre hat sich der 1978 in Bosnien geborene Autor, der als 14-Jähriger im Balkankrieg mit seinen Eltern nach Deutschland flüchtete, nach seinem gefeierten Debüt Wie der Soldat das Grammofon repariert für sein zweites Buch Zeit gelassen. Das Resultat ist ein beeindruckendes Buch über ein sterbendes Dorf, das trotz des allgegenwärtigen Zerfalls voller Leben ist.

Der Übersetzerpreis geht an William T. Vollmanns Großroman Europe Central (Suhrkamp) und dessen Übersetzer Robin Detje. Letzterer hat das vielstimmige, zwischen Berlin, Moskau, Krieg, Revolution und Terror oszillierende Textgebirge aus dem amerikanischen Englisch übersetzt.

Der Sachbuchpreis, für den auch der in Wien lehrende Diedrich Diederichsen mit Über Pop-Musik (Kiepenheuer & Witsch) nominiert war, ging an Helmut Lethen. Der 1939 in Mönchengladbach geborene Direktor des IFK in Wien setzt sich in seinem sehr persönlichen Buch Der Schatten des Fotografen (Rowohlt Berlin) mit der Macht von Bildern und der ihnen innewohnenden Wirklichkeit auseinander. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 13.4.2014)

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