Linguist: "Fluchen ist gesund"

Interview14. März 2014, 16:00
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Darf man fluchen? Das sei Teil der menschlichen Kultur, sagt Sprachwissenschafter Dennis Scholze von der Technischen Uni Braunschweig

STANDARD: Herr Scholze, ist Fluchen Bestandteil der Kultur?

Scholze: Das ist, wie so vieles im kulturellen Bereich, natürlich Ansichts- beziehungsweise Auslegungssache. Das heißt, wie definieren wir den Kulturbegriff? Kulturwissenschaftlich orientierte Sprachwissenschaft gibt es schon lange. Der ihr zugrunde liegende Kulturbegriff weitet die Sphäre über Musik, Malerei, Literatur hinaus. Sprachwissenschaft als Kulturwissenschaft zu betreiben bedeutet, unser Sichtfeld zu erweitern, sozusagen das Visier hochzuklappen und möglichst viele, den Menschen konstituierende Merkmale zu berücksichtigen. Kultur ist ein kollektiv Gewachsenes, das die Kraft hat im Individuum aufzugehen.

STANDARD: Und zu diesem kollektiv Gewachsenen gehört ganz selbstverständlich auch das Fluchen?

Scholze: Ja. Fluchen ist sozusagen absolut gesellschaftsfähig. Zu fluchen, wenn irgendetwas schief oder nicht nach unseren Vorstellungen geht, ist als spontane psychische Entlastung ein Urtrieb, der tief in unseren neuronalen Strukturen verwurzelt ist. Darauf deutet die Tatsache hin, dass selbst unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen „fluchen". Anstatt mit Worten, wie wir Menschen, bedienen sie sich dazu eines ganz beachtlichen Vokabulars an Gesten, mit dem sie ihren Unmut ausdrücken. Wir können also davon ausgehen, dass Menschen fluchen, seitdem es den Menschen als eigenständige Spezies gibt.

STANDARD: Gibt es Belege dafür?

Scholze: Wenn auch das Wort "fluchen" aus linguistischer Sicht noch recht jung ist, so finden sich doch Hinweise auf das Fluchen, die älter als fünftausend Jahre sind. Sie eröffnen den Blick auf eine weitere Wurzel des Fluchens. In speziell kultureller Hinsicht deutet vieles darauf hin, dass das Fluchen wohl seinen Ursprung im esoterischen Kontext des Verfluchens hat. So existieren mehr als 2000 Jahre alte Fluchtafeln, auf denen Schadenzauber und Verwünschungen überliefert sind. Als erstes überliefertes Schimpfwort kennen wir das Wort "Hund". Und aus der altindischen Beschimpfungskultur stammt die herbe Verwünschung "Ein Esel soll dich vögeln".

STANDARD: Wodurch unterscheidet sich denn nun das Fluchen vom Verfluchen?

Scholze: Durch den Adressaten. Das Verfluchen zielt auf eine andere Person, der ich Übles an den Hals wünsche, wie die Verwünschung aus dem alten Indien in besonders deftiger Weise zeigt. "Hol dich der Teufel!" ist beispielsweise eine in unseren Breiten geläufige Verwünschung. Im Gegensatz dazu ist das Fluchen ein sprachlicher Akt, der als Empfänger sich selbst hat. Ein Fluch, der heutzutage sehr angesagt ist, wie beispielsweise "Scheiße!", wünscht nicht einem anderen, dass er beispielsweise auf dem Fußweg kräftig in die Hinterlassenschaft eines Vierbeiners treten möge, sondern drückt aus, dass irgendetwas nicht so gelaufen ist, wie es eigentlich hätte laufen sollen. Verwünschen respektive Verfluchen oder Beleidigen und Fluchen sind also zwei unterschiedliche Paar Schuhe, aber dennoch über Ecken verwandt. Tatsache ist, es gibt eine Kultur des Fluchens. Ganz deutlich zeigt sich das beim Betrachten der unterschiedlichen nationalen Präferenzen beim Fluchen.

STANDARD: Kulturelle Ursprünge hin und her, ist Fluchen nicht doch schlicht unbeherrschtes Verhalten?

Scholze: Fluchen ist in uralter Weise unbeherrschtes Verhalten. Wesen und Art des Fluchens ist die Unbeherrschtheit, das sich spontan Entladende. Und genau dieses Spontane macht den Wert des Fluchens aus. Wer flucht, sagen die Psychologen, entlastet sich, macht sich Luft. Fluchen ist die uralte Möglichkeit, Dampf abzulassen, und geschieht  - im Gegensatz zum Verfluchen, beispielsweise beim Voodoo-Zauber - niemals planvoll. Das berühmte "Scheiße" flutscht einfach heraus. Ebenso wie das sich immer mehr einbürgernde "Fuck". Und doch ist Fluchen nicht gleichzusetzen mit dem üblichen unbeherrschten Verhalten, etwa der spontanen verbalen Aggressivität gegen andere, wenn einem etwas nicht passt. Fluchen ist das zutiefst menschliche Ventil unserer Angespanntheit, unserer Angst, unseres Schmerzes. Kaum eine Geburt, die ohne Fluchen auskommt. Das "Verdammt" oder eben "Scheiße" fehlt vermutlich in keinem Tagesablauf.

STANDARD: Fluchen ist also etwas für den Menschen schlicht Unersetzliches?

Scholze: Ja. Fluchen gehört zum Menschen genauso wie die Selbstgespräche, die er permanent mit sich selber führt. Diese Unersetzlichkeit des Fluchens liegt in unserem Menschsein begründet. Wir sind "Erzählmaschinen", sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. Unser menschliches Charakteristikum sei, dass wir kommunizieren müssen. Wir wollen uns mitteilen, und dieser Artikulationsdrang hat in der modernen Gesellschaft noch zugenommen. Vermutlich wird heute mehr geflucht als früher. Womöglich auch deshalb, weil wir in der modernen, veränderungsintensiven Welt permanent mit Dingen konfrontiert werden, die verunsichern, die Angst machen, die Fragen aufwerfen, die wir gar nicht wirklich zu beantworten wissen, die aber in uns rumoren. Mit dem Fluchen verschaffen wir uns dann ein wenig Luft, lassen den inneren Über- beziehungsweise Leidensdruck heraus.

STANDARD: Wir Fluchen sozusagen heute mehr, um uns nicht von der Unsicherheit auffressen zu lassen?

Scholze: Wir bewegen uns mit dieser Vermutung auf hypothetischem Boden. Sagen wir es so, wir fluchen womöglich heute auch deshalb mehr, um den durch die heutigen verunsichernden und damit psychisch destabilisierenden Lebensumstände hervorgerufenen "Unsicherheits"-Schmerz, der nach innen geht, entlastend nach außen abzuleiten. Also brauchen wir etwas Expressives, das wir gegen das uns Bedrückende stellen können. Sprache ist immer expressiv. Es hat befreiende Wirkung, sich seiner Worte zu entäußern. Fluchen ist eine befreiende Spontanaktion, um schnellstmöglich Druckausgleich herbeizuführen. Denken Sie doch nur an Besprechungen und Sitzungen. Das sind meist recht ritualisierte Ereignisse, in denen das offene Wort nicht unbedingt willkommen ist. Und welcher Gedanke rumort deshalb in vielen Teilnehmern? "Gleich platze ich!"

STANDARD: Herr Scholze, leicht vom Thema abweichend, das legt doch eigentlich die Forderung nach einer offeneren Diskussionsführung nahe?

Scholze: Ich bin Sprachwissenschafter und kein Führungsexperte. Aber als Mensch, der auch schon in Besprechungen und Sitzungen gesessen hat, weiß ich, wie eine gar zu restriktive Gesprächsführung wirkt: Sie baut inneren Druck und Unmut auf, und beides führt nur höchst selten zu dem, was eigentlich angestrebt wurde, zu guten Ergebnissen. Druck, der in einem rumort, aber nicht herauskann, blockiert ungemein. Niemand, in dem es rast: "Gleich platze ich!", ist wirklich mit den Gedanken bei der Sache. Wenn Sie so wollen, ist dieses "Gleich platze ich!" zwar ein Fluch, aber einer, der nach innen geht und der deshalb nicht entlastet. Und da man in Besprechungen und Sitzungen ja schlecht vor sich hinfluchen kann, um sich den nötigen Druckausgleich zu verschaffen, wäre die Sorge für eine Atmosphäre des offenen Wortes schon eine recht kluge Maßnahme – verdammt noch mal! (Hartmut Volk, DER STANDARD, 15./16.3.2014)

Dennis Scholze ist Doktorand an der Abteilung für Linguistik und Mediävistik der Instituts für Germanistik der Technischen Universität Braunschweig.

  • Sparte nicht mit dem Fluchen: Jack Sparrow hatte diesbezüglich als Pirat der Karibik was drauf.
    foto: ap / peter mountain

    Sparte nicht mit dem Fluchen: Jack Sparrow hatte diesbezüglich als Pirat der Karibik was drauf.

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