Massenproteste in der Türkei: Erdogans Frontalkurs

Kommentar13. März 2014, 17:00
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Für viele Türken ist Berkin Elvan ein Symbol für die Arroganz der türkischen Regierung und ihre Geringschätzung für die Menschen

Berkin ist tot, aber die Türkei ist aufgewacht, heißt es. Das Schicksal des 15-jährigen Schülers, der von einer Tränengaskartusche am Kopf getroffen wurde und neun Monate im Koma lag, bis er in dieser Woche starb, wühlt das Land auf. Für viele Türken ist Berkin Elvan ein Symbol für die Arroganz der türkischen Regierung und ihre Geringschätzung für die Menschen. "Nekrophile", nannte der frühere türkische Europaminister Egemen Bagis die Hunderttausenden, die in Istanbul und anderswo des Todes des Schülers gedachten.

Bagis löschte seine Twitter-Nachricht, als er begriff, wie abstoßend seine Bemerkung war. Für die Abgehobenheit der seit elf Jahren regierenden konservativen Partei, die stets ihre religiös-moralischen Werte unterstreicht, ist die Äußerung über die "nekrophilen Demonstranten" gleichwohl bezeichnend: Ankaras Langzeit-Bürgermeister Melih Gökçek, ein anderer provokativer Politiker der AKP, gab den Eltern die Schuld an Berkins Tod; sie hätten ihren Sohn während der Gezi-Proteste ja nicht auf die Straße zum Brotkaufen schicken müssen. Vor allem aber empört viele Türken, dass Regierungschef Tayyip Erdogan keine Worte zum Tod des Schülers findet.

Der Frontalkurs des türkischen Premiers gegen seine Bürger ist gefährlich. Zwei Tote gab es bei den Straßenkämpfen nach der Beerdigung von Berkin Elvan. Sie lassen erahnen, was nach den Wahlen Ende März kommt. (Markus Bernath, DER STANDARD, 14.3.2014)

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