Ritterspiel mit Pestappell und Kotausgang

13. März 2014, 17:04
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Die erste Burgtheater-Premiere nach der Ära Hartmann liefert ein überzeugendes Statement für die Kraft gedankenreicher Inszenierungsarbeit

Wien - Seinen Ausgang nimmt das Drama natürlich im Bett. Hans Henny Jahnns Drama Die Krönung Richards III. feiert das Laster. Elisabeth (Sophie Rois), Witwe des letzten Königs, ist ihrem Pagen Euryalus von Herzen zugetan. Sophie Rois, die wunderbare Castorf-Schauspielerin aus Linz, raspelt das schartigste Süßholz der Welt. Sie kriegt den scheuen Knaben aufgrund ihrer Machtvollkommenheit ins Bett. Der Pfuhl steht in einer Ritterburg, wie sie formschöner auch das Wiener Burgtheater noch nicht gesehen hat (Ausstattung: Bert Neumann).

Die Unschuld des Buben raubt der Königin-Witwe den Verstand. Zugleich wird sie von seiner Widerspenstigkeit wohlig erregt. Der nächste Page büßt es, er wird auf drastische Weise kastriert. Die Gesellschaft in Jahnns Richard-Drama ist vom Spiel der Mächtigen meilenweit entfernt. In der Literatur des Hamburger Dichters und Orgelbauers (1894-1959) herrscht der Krieg der Körper. Es erscheint klar, warum Regisseur Frank Castorf Jahnn zum Gegenstand seiner Wiener Inszenierung gewählt hat.

Hans Henny Jahnn ist ein Unruhestifter. Moral, Politik und Psychologie leitet er aus der Ordnung der Natur ab. Wie besessen folgt er den Triebregungen des Menschen bis in feinste Verästelungen hinein. Jahnn ist der Dichter des Ausnahmezustands. Er drängt die gekrönten (und maskierten) Häupter der Reihe nach in den Wahnsinn. Vor allem macht er sie zu atemlosen Zeugen körperlicher Sensationen. Ein gefundenes Fressen für Frank Castorfs Theater der Grausamkeit.

Heim unter der Krone

Kaum ist der Plastikpimmel des Knaben Paris (Markus Meyer) sachgerecht verstümmelt und mit Schmutz verarztet, hebt zauberhafter Gesang an. Die mittelalterliche Stadt ist eine echte Begegnungszone. Farbige Bedienstete mischen sich unter Vermummte. Sadomaso-Glöckner schlüpfen in ein Pförtnerhaus mit gelbem Fenster. Die Hure bei Hof (Jasna Fritz Bauer) lockt süße Knaben in ihr verwunschenes Heim unter der Mauerkrone.

Ewig juckt das Fleisch in den Gefilden Hans Henny Jahnns. Manchmal fällt auch nur Theaterkot aus der Abortdüse. Einzelne Figuren fangen recht bald an, Passagen aus Antonin Artauds skandalöser Festschrift Das Theater und sein Double zu rezitieren. Das Leben ist ein einziges die Leiber und Gemüter peinigendes Fest. Da ist sie wieder, Frank Castorfs Vorliebe für den verrufenen Teil der Hochmoderne. In den Schriften von Artaud, Céline oder Marx stöbert er nach. Castorf sucht starke Reizstoffe. Wie in einer Zentrifuge wirbelt er Partikel aus Theorie und Theater durcheinander.

Die Schauspieler kommen höchstpersönlich zum Handkuss. Immer sind es auch ihre Körper, die auf dem Spiel stehen. Kaum ist der ein wenig anstößige Geruch nach Päderastie verflogen, folgt der Geschichte zweiter Teil.

Auftritt Richard (Martin Wuttke). Bei der Königin-Witwe führt er sich als die Laute schlagender Mephistopheles (mit Gründgens-Kopf) ein. Keiner raunzt so gaumig wie Wuttke, der sich mehr mit den Strähnen seiner Langhaarperücke als mit dem Schicksal eines Königs befasst. Mit der Figur aus Shakespeares Richard III. hat er nicht mehr als den Namen gemein. Jahnns König ist ein Zauderer und Empörer. Die Arbeit der Drüsen und Triebe übersetzt er in Politik.

Allmählicher Dämmer

Sechs Stunden dauert der Abend. Man sieht, wie die finstere Burg einen Hof freigibt. Dessen Mitte behauptet ein ausgestopftes Pferd. Manchmal hängt Richard wie eine Transgender-Leiche auf ihm herum, während Lord Buckingham (Oliver Masucci) mit begrifflichem Unflat um sich wirft.

Immer unklarer verläuft die Grenze zwischen den Geschlechtern. Immer seltener rafft sich der Abend auf, das Ritterdrama weiterzuerzählen. Die beiden Prinzen im Tower (im ersten Akt von reizenden Kindern gespielt) müssen um ihr Leben bangen. Die Lords in Sadomaso-Masken brüllen aufeinander ein. Die Höflinge sitzen zwischen kokelnden Tonnen herum. Der König hat Streit mit der schwangeren Gemahlin, ein Auftritt von Ignaz Kirchner wird freudestrahlend resigniert.

Hinter allem lauert Frank Castorfs teuflische Intelligenz. Wie ein verrückter Professor schraubt er das Spielzeug der Moderne auseinander. Er sieht zu, wie die Spiralfedern der alten Autoren über die Bühne hüpfen. Die vorvorletzten Worte an diesem wunderbaren, freundlich akklamierten Abend gehören Heiner Müller. "Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister." Und: "Ich entlasse uns aus unserem Auftrag." Das war auf die Burg gemünzt. Castorf wünscht dem Haus die Anarchie. Das ist, mit Blick auf die Kunst, der einzig richtige Ansatz. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 14.3.2014)

  • Hoch zu Ross aus dem Mittelalter in die Moderne hinein: Martin Wuttke, Jasna Fritzi Bauer.
    foto: apa/herbert neubauer

    Hoch zu Ross aus dem Mittelalter in die Moderne hinein: Martin Wuttke, Jasna Fritzi Bauer.

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