"Krönung Richard III." als Labyrinth auf der Burg-Bühne

13. März 2014, 11:34
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Maßloser Gegenentwurf zu Shakespeares drittem "Richard" im Burgtheater

Wien – Hans Henny Jahnns in völlige Vergessenheit geratenes Drama "Die Krönung Richard III." bildet den maßlosen Gegenentwurf zu Shakespeares drittem "Richard". Regisseur Frank Castorf fühlt sich in den schwülen Gefühlswechselbädern des deutschen Expressionismus spürbar wohl. Ausstatter Bert Neumann hat ihm, gewiss für viel gutes Geld, eine komplette Ritterburg auf die Burg-Bühne gebaut. Ein Labyrinth aus Söllern, mit Mauern, Erkern und Treppen, hält ein bizarres Schauspielerteam berückend in Schwung.

Nach eineinhalb Stunden ist klar: Castorf verlässt sich ganz auf seine zur Perfektion gebrachte Kunst stotternder Reflexion auf der Bühne. Eine lüsterne Königin (Sophie Rois) hat ihre Pagen zum Fressen gern. Verworfene Kurpfuscher und farbige Bediente leisten Handreichungen auf einem Gespensterschloss, auf dem über die Pest und das Theater (Antonin Artaud) rezitiert wird. Große Kunst stattet Richard (Martin Wuttke als Mephisto) bei. Handlung? Ist nur noch bloße bürgerliche Konvention.

Ehe der kleine, dicke Uhrzeiger aber tatsächlich die Geisterstunde berührt, hat Castorf weite Wege zurückgelegt. Das englische Mittelalter wird in Jauche ersäuft. Herzöge und Bischöfe beziehen unter dem Abortloch der Ritterburg Stellung. König Richard ist ein Überlebender der Psychedelic-Jahre, rauft sich die Perückensträhnen und hat die zankende, von ihm geschwängerte Königin (Rois) im Genick. Castorfs Theater ist mit allen Längen und Unzulänglichkeiten immer auch ein Mordsspaß.

Zuletzt gleitet der Abend in merkwürdige Gewässer hinüber. Weil Jahnns Stück mehr abebbt als endet, klebt ihm der Regisseur Heiner Müllers "Der Auftrag" hintendran. Die Bewohner der Karibik feiern ein Fest, das England der Plantagenets implodiert. Das Ende der Ära Hartmann wird ordnungsgemäß abgehandelt: "Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag", improvisiert Wuttke. Und, wahrheitsgemäß: "Ich bin ein Kohlensack aus Gelsenkirchen."

Der Applaus für Ensemble und Regisseur war warmherzig und freundlich. Es ist immer wieder eine Freude, Castorf und seinem Team beim Denken zuzusehen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 13.3.2014)

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