"Der Papst muss über den Zölibat nachdenken"

Interview13. März 2014, 05:30
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Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit der Kirche, sagt der argentinische Nobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel

STANDARD: Wie bilanzieren Sie das erste Amtsjahr von Franziskus?

Pérez Esquivel: Er hat der Kirche Erneuerung gebracht, frischen Wind - nicht nur im Stil, sondern er rüttelt auch an den Strukturen. Damit ist er im Einklang mit dem Reformpapst Johannes XXIII., der forderte, die Türen und Fenster zu öffnen, um Licht hereinzulassen und den Staub aus Jahrhunderten aufzuwirbeln. Im Gegensatz zu seinen direkten Vorgängern ist Franziskus ein Hirte. Er bringt eine Sicht mit, die die Kirche mehr im Volk Gottes sieht als in den Institutionen. Er legt außerdem den Schwerpunkt auf die Armen, aber er tut das nicht mit dramatisch erhobenem Zeigefinger.

STANDARD: Sehen Sie auch grundlegende Reformen?

Pérez Esquivel: Ja, etwa im wirtschaftlichen Bereich, bei der Überprüfung der Finanzen; und hinsichtlich der Vision von Kirche und Mission. Das ist kein Zufall, denn Jorge Mario Bergoglio wurde im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils groß (1959-1965, Anm.), dieser von Lateinamerika ausgehenden Vision einer Basiskirche und der konkreten Anwendung der Bibel in der Realität. Eine seiner ersten Gesten war der Besuch auf Lampedusa bei den afrikanischen Migranten. Solche Gesten wecken Hoffnung, besonders bei Menschen, die sich von der Kirche abgewandt haben, weil sie ihnen unglaubwürdig erscheint.

STANDARD: Nach seiner Wahl gab es Kritik wegen seiner unklaren Rolle während der Militärdiktatur ...

Pérez Esquivel: Ich war einer der Ersten, die öffentlich erklärten, dass Franziskus kein Kollaborateur der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983, Anm.) war. Bergoglio war zu dieser Zeit nicht Bischof, sondern Provinzial des Jesuitenordens, weshalb sein Einfluss in der Regierung begrenzt war. Er hat damals sogar viele Verfolgte in Sicherheit gebracht. Er betrieb eine stille Diplomatie. Die Kritik an ihm kam aus den Reihen der Sympathisanten der argentinischen Regierung unter Cristina Kirchner, die nicht gut auf Bergoglio zu sprechen war. Die Regierung hat ihn als Sprecher der rechten Opposition bezeichnet, was natürlich Quatsch war.

STANDARD: Die Rolle der Bischöfe war ja wirklich etwas dubios ...

Pérez Esquivel: In der argentinischen Kirche gibt es Licht und Schatten. Einige Bischöfe waren eng mit der Militärdiktatur verbunden. Aber viele Priester und Laien haben sich für Verfolgte und Arme eingesetzt. Franziskus zu diskreditieren, das war ein Fehler, denn er ist der erste Papst, der die eurozentristische Vision der Kirche hinter sich lässt und neue Möglichkeiten erschließt. Das beweist er seit einem Jahr jeden Tag aufs Neue, und deshalb ist diese Kritik inzwischen verstummt.

STANDARD: Kommen die Kritiker nun eher aus konservativen Kreisen, die mit Sorge sehen, wie der Papst Traditionen infrage stellt?

Pérez Esquivel: Die Kirche muss sich verändern und erneuern, denn sie wird sonst zum Fossil. Wie man der Kirche wieder Glaubwürdigkeit verschafft, ist eine riesige Herausforderung. Ich glaube, dass der Papst auch über den Zölibat nachdenken muss; der ist kein Dogma, sondern ein Beschluss des Konzils von Trient aus dem 16. Jahrhundert. Diese Entscheidung hatte schreckliche Folgen. Die Pädophilie zum Beispiel; und den Schaden, den sie an den Opfern, aber auch an der Kirche anrichtet. Dadurch oder auch mit der Verweigerung der Sakramente für Geschiedene werden viele Gläubige ausgeschlossen. Franziskus geht diese Themen an, aber allein wird er es nicht schaffen. Die größte Herausforderung ist mehr Transparenz und Klarheit innerhalb der Kirche.

STANDARD: Hat er sich verändert?

Pérez Esquivel: Ich habe ihn dreimal getroffen, zuletzt mit einem indigenen Paar. Das war eine wundervolle Begegnung. Franziskus ist sehr bescheiden, er lehnt den Luxus im Vatikan ab und lebt weiterhin im Gästehaus Santa Marta.

STANDARD: Manche finden, dass er lockerer wirkt als in Argentinien ...

Pérez Esquivel: Für ihn war die Situation in Argentinien schwierig, vor allem die ständige Konfrontation wegen seines Engagements für die Armen. Sein Umzug nach Rom hat ihm eine neue Aufgabe gebracht, in der er aufgeht. Das hat diese Freude und Spontaneität an den Tag gebracht, die zuvor oft verborgen blieb. Er ist ein warmherziger Mensch, der die Nähe zum Nächsten sucht. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 13.3.2014)

Adolfo Pérez Esquivel (82) ist ein argentinischer Bürgerrechtler. Er erhielt 1980 den Friedensnobelpreis für sein Engagement zur gewaltfreien Durchsetzung der Menschenrechte.

  • Adolfo Pérez Esquivel (re.) im Juni 2013 bei einer Privataudienz gemeinsam mit Qom-Anführer Félix Díaz.
    foto: apa/epa/osservatore romano

    Adolfo Pérez Esquivel (re.) im Juni 2013 bei einer Privataudienz gemeinsam mit Qom-Anführer Félix Díaz.

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